altemaelze

With Love

Mitch Ryder

Zwischen Rock’n’Roll und R&B, mit Einflüssen aus Blues, Latin und allem anderen, auf das Mitch Ryder gerade Lust hatte: Ein spätes Highlight in seiner sechs Jahrzehnte andauernden Karriere

Mitch Ryder ist ein Stehaufmännchen. Vor wenigen Wochen wurde er, der in seiner Geburtsstadt Hamtramck in Michigan auf den auf den bürgerlichen Namen William S. Levise, Jr. getauft wurde, 80. Er gehört zu jener raren Spezies weißer Sänger, die sich den Ruf erarbeitet haben, wie Schwarze zu singen. Davon gibt es nur eine Handvoll: Eric Burdon gehört dazu, gewiss auch Van Morrison oder, mit Einschränkungen – wenn er nicht gerade mit Ramsch langweilt – Rod Stewart. Mitch Ryder aber zählt ganz unzweifelhaft zu dieser Riege. Seinen Ruf als Legende begründete er schon in den 1960er Jahren. Da hat er etwa „Jenny take a Ride“ oder „Devil with the blue Dress“ aufgenommen. Titel, die Bruce Springsteen jahrelang auf seiner Live-Playlist hatte, als „Detroit Medley“ nachzuhören etwa auf seinem grandiosen „No Nukes“-Auftritt von1979. Dieses Jahr – das ganz im Zeichen des Fast-Super-GAU des Atomkraftwerks in Harrisburg stand –, es markiert auch in Mitch Ryders Karriere einen ganz strahlenden Höhepunkt: Denn da erhielt er, der zu diesem Zeitpunkt längst Vergessene, die Chance, sich im deutschen Fernsehen live einem Millionenpublikum zu präsentieren. Und zwar im ARD-Rockpalast. Und was soll man sagen? Er nutzte sie wie kein anderer. Und begründete mit diesem „Full Moon Concert“, dieser „Menschwerdung der Rockmusik“, wie die Süddeutsche Zeitung mal schrieb, eine Sonderbeziehung nach Deutschland, die seither nicht mehr abgerissen ist. Rund vierhundertmal etwa stand er mit „Engerling“ – einer Band, die in der DDR ihren Ruf begründete – live auf der Bühne, auch 2010 in Amberg auf der Bühne im Casino, und auch in Regensburg des öfteren. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich bis heute sehr gut daran, mit welcher Hingabe Mitch Ryder vor 15 Jahren seine spezielle Interpretation der Soulmusik dem Publikum predigte. Nach längerer Pause hielt er jetzt den Zeitpunkt für gekommen, ein neues Album aufzunehmen. Nicht in Deutschland, sondern in den USA, angeleitet vom Produzenten-Genie Don Was. „With Love“ ist auf erfreuliche Weise überraschungsfrei. Was nicht etwa als Tadel gemeint ist, sondern als vollmundiges Lob. Weil Mitch Ryder das macht, was er am besten kann. In zehn Songs, allesamt autobiographisch unterfüttert, führt er seine Stimme vor und lässt sie wie einen ungezähmten Mustang von der Leine. Sie hat weder an Kraft noch an Farbe verloren hat. In „One Monkey“ (den er auf „Junkie“ reimt) etwa, erzählt er von seinem Leben, von den Ups und Downs, von Drogensucht und Entzug, von Misserfolg und Ruhm. Was auch bedeutet, dass man von Anfang an nicht fremdelt, mit diesem Album – sondern es sogleich nutzen kann, als Kraftquell und Weisheitsschatz gleichermaßen. So, wie er das auch im Schlusstitel „Just the Way it is“ vorführt, einer höchst vitalen Orientierungshilfe, „wie man den Planeten verlässt, sobald die Zeit gekommen ist.“ Mitch Ryder unterdessen ist noch einmal unterwegs, auf Tour, um auch in Deutschland „With Love“ mit seiner Band aus US-Musikern live vorzustellen. Leider diesmal nicht in Regensburg. (Ruf Records) Peter Geiger

*****

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal