Die Schneiderin der Träume

on Saturday, 10 November 2018. Posted in Film

Regie: Rohena Gera

Die Schneiderin der Träume

In Indien arbeiten 40 Millionen Hausangestellte, meist Frauen, informell und ohne Rechte unter Konditionen, die moderner Sklaverei gleichkommen. Sie haben weder staatlichen Schutz in Form von Mindestlöhnen oder einer festgelegten Stundenzahl noch ein Recht auf Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung oder irgendeine andere Form von Sozialversicherung. Um es einfach zu sagen: diese Frauen sind voll und ganz abhängig von ihren Arbeitgebern. Zu ihrer extremen körperlichen und finanziellen Verwundbarkeit kommt hinzu, dass sie täglichen Demütigungen ausgesetzt sind. Sie essen Reste, schlafen auf einer Matte oder auf dem Boden (in der Küche, im Flur oder, wenn sie Glück haben, in einem kleinen Dienstmädchenzimmer), benutzen separate Gläser, um Wasser zu trinken sowie separate Toiletten (oft eine Gemeinschaftstoilette des Gebäudes, die sie mit den Chauffeuren teilen). Was zutiefst beunruhigend ist, ist, dass dies von den privilegierten Klassen in Indien allgemein als akzeptabel angesehen wird. Dieser Akzeptanz von extremer Ungerechtigkeit liegt ein zutiefst rassistischer und auf dem Kastensystem basierender Denkansatz zugrunde, demzufolge das Hausmädchen als weniger menschlich betrachtet wird. Das erinnert an den Rassismus der USA in den 50er Jahren, wo schwarze Menschen als grundsätzlich minderwertig und andersartig angesehen wurden. Das ist der Kontext, in dem diese Geschichte spielt. Zum Inhalt: Im modernen Mumbai der gläsernen Hochhäuser arbeitet die junge Witwe Ratna als Dienstmädchen für Ashwin, einen jungen Mann aus wohlhabendem Hause, der scheinbar alles hat, was es für ein komfortables Leben braucht. Ratna wiederum hat vor allem eins: den Willen, sich ein besseres Leben zu erarbeiten und ihren Traum zu verwirklichen, Mode-Designerin zu werden. Als Ashwins sorgfältig arrangierte Bilderbuch-Hochzeit platzt, scheint Ratna die Einzige zu sein, die Ashwins tiefe Melancholie versteht. Ashwin verliebt sich in das so zurückgenommene Hausmädchen, denn er entdeckt in ihr eine willensstarke und sinnliche Frau, die bereit ist, für ihre Träume einzustehen. Und auch Ratna entwickelt Gefühle für ihn. Dennoch ist sie für beider Umgebung nur das Dienstmädchen, das von seiner Familie entsprechend behandelt wird. Die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden macht ihnen nur zu bewusst, wie unvereinbar die Welten sind, denen sie angehören. So müssen sie wählen zwischen gesellschaftlicher Anerkennung und der Liebe – einer Liebe, die sich gegen alle politischen und kulturellen Widerstände behaupten muss und ihre Familien zerstören würde.
Mit Sensibilität, Humor und starken, authentischen Schauspielern erzählt die indische Regisseurin Rohena Gera hier eine zarte Liebesgeschichte zwischen den Welten, die in einem Mumbai spielt, das ein wilder Schmelztiegel der Farben, Hoffnungen und Schicksale ist. DIE SCHNEIDERIN DER TRÄUME ist großes Kino über Liebe, Familie, über Traditionen und Religion, ernst und wunderbar heiter zugleich. Läuft am 6. Dezember im Kino an.