Dreiviertelblut - Weltraumtouristen

on Thursday, 02 July 2020. Posted in Film

Interview mit den Filmemachern Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser

Dreiviertelblut - Weltraumtouristen

Die Band Dreiviertelblut um die beiden Musiker Gerd Baumann und Sebastian Horn, erscheint zuerst einmal als ein bayerisches Phänomen: Es wird in Dialekt gesungen, und meist gibt der Dreivierteltakt, ähnlich wie in der klassischen, bayerischen Volksmusik, den Rhythmus vor. Auf den zweiten Blick wird allerdings recht schnell deutlich: Mit Folklore und Festzelt-Musik hat diese Band nichts am Hut. Es sind die philosophischen, aber auch humorvollen Texte über Sein und Vergehen, die meisterlich komponierten Melodien, welche den Zuhörer schwelgen und nicht schunkeln lassen. Baumann und Horn bieten viel mehr als weiß-blaue Gemütlichkeit, oder einem Prosit aufs „Mia san mia“.  An Substanz fehlt es hier also keinesfalls. Und so drängt es sich auf, diese beiden Ausnahmemusiker und ihr Schaffen näher zu betrachten. Unter der Regie von Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser, der auch hinter der Kamera stand, entstand ein facettenreiches, kaleidoskopisches und humorvolles Filmgedicht. Im Zentrum des Films stehen bisher unveröffentlichte Aufnahmen eines Konzertes von Dreiviertelblut zusammen mit den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Olivier Tardy im Prinzregententheater München. „Weltraumtouristen“ kommt am 6. August in die bayerischen Kinos!
Hier gibt’s ein Interview mit den beiden Filmemachern:

Wie ist Ihr gemeinsamer Film DREIVIERTELBLUT – WELTRAUMTOURISTEN entstanden?
JOHANNES KALTENHAUSER: Rosi und ich kennen uns von der Filmhochschule und ich habe als Kameramann zwei Musikdokumentarfilme mit ihm gedreht. Beide Male war es eine sehr schöne Zusammenarbeit. Er hat öfters von seiner Idee erzählt, einen Film über Dreiviertelblut bzw. über Sebastian und Gerd zu machen – und als er mich dann gefragt hat, ob wir den Film zusammen machen, habe ich natürlich ja gesagt.
MARCUS H. ROSENMÜLLER: Ich kenne Gerd Baumann und Sebastian Horn durch die Arbeit schon sehr lange. Als sie Dreiviertelblut gegründet haben, habe ich gespürt: Sie finden ein Ventil für ihre philosophischen Ansichten, sowohl musikalisch als auch textlich. Wir wussten zu Beginn nicht genau, wohin es uns treibt, wie wir den Film ästhetisch gestalten wollen. So ist erst während des Drehs das endgültige Konzept entstanden. Das Tolle war, dass wir vollkommene Freiheit genossen haben.
 
Was fasziniert Sie an Dreiviertelblut?
JOHANNES KALTENHAUSER: Viele Stücke von Dreiviertelblut kreisen um philosophische Themen, handeln zum Beispiel von der Unbegreiflichkeit des Daseins und unserer aller Endlichkeit. Bei mir hat die Musik Herz und Hirn gleichermaßen berührt, weil es um Fragestellungen geht, die mich schon immer umtreiben – ich fühle mich in einigen Liedern von Dreiviertelblut ziemlich verstanden.
MARCUS H. ROSENMÜLLER: Da hab ich nichts hinzuzufügen.
 
Marcus Rosenmüller, Sie kennen Gerd Baumann und Sebastian Horn schon lange. Das erleichtert die Arbeit sicher in vielerlei Hinsicht. Aber ist es in gewisser Weise auch schwieriger, einen Film über Freunde zu machen?
MARCUS H. ROSENMÜLLER: Es stimmt schon: Es hat uns die Arbeit auf der Bühne erleichtert. Dass wir so nah an die Band ran durften, hatte mit dem Vertrauen zu tun, das sie uns entgegengebracht haben. Die Gespräche mussten wir lange führen, um die Freundesscheu zu verlieren. Deppert war, dass ich und Johannes auch immer so viel lachen mussten mit den beiden, und wir uns so manch wirklich gute Stelle versaut haben. Aber dann wurden wir professioneller!
 
Sie haben in dem Film die Grenzen des Dokumentarischen überschritten. Warum? 
JOHANNES KALTENHAUSER: Ich bin kein großer Dokumentarfilm-Theoretiker, deshalb wird das Eis jetzt vielleicht etwas dünn: Aber eigentlich definiert man doch bei jedem Film neue, dem Thema angemessene Grenzen. Wir haben an einigen Stellen inszeniert – allerdings stets für den Zuschauer erkennbar –, um visualisieren zu können, was wir als Filmemacher in Dreiviertelblut sehen. Die inszenierten Szenen dokumentieren also unseren Blick auf Sebastian und Gerd – unsere Interpretation – und sind so gesehen, weil klar ersichtlich, hoffentlich authentisch. 
MARCUS H. ROSENMÜLLER: Genau, wir haben die Wahrheit, die wir in den beiden spüren, versucht nach außen zu kehren. Erst auf dem Weg sind die Bilder entstanden. Sie kamen durch Dreiviertelblut und nicht durch uns.
 
Sebastian Horn und Gerd Baumann sprechen in dem Film über das Menschsein, über die Zeit und die Welt. Welche Gedanken haben Sie besonders fasziniert?
JOHANNES KALTENHAUSER: Mich berührt das Bild von der Erde als „blaua Stoa“ sehr. Die Minikugel im schwarzen Endlos-Universum, auf der sich alles abspielt und die das einzige ist, was wir haben, die paar Jahre, die wir da sind. Im Kontext des Universums vermutlich völlig bedeutungslos, aber gleichzeitig absolut wunderbar. 
MARCUS H. ROSENMÜLLER: Mein erstes langes intensives Gespräch mit Gerd war vor circa 15 Jahren, und er erklärte mit etwas über das Gleichzeitige der Lebenszeit. Ich habe es immer noch nicht ganz verstanden, aber wenn er im Film „vom Zeitenknödel“ spricht, dann kriege ich mehr und mehr ein Gefühl davon.
 
Nehmen Sie bestimmte Gedanken des Films inmitten der gegenwärtigen Corona-Krise anders wahr als zuvor? Hören Sie bestimmte Liedzeilen jetzt anders?
JOHANNES KALTENHAUSER: „Mia san de Wolken und der Sand und mia san alle miteinand unterwegs … auf unserm blaua Stoa“: Alles hängt voneinander ab, im Innersten wollen wir alle dasselbe und eines bedingt das andere. Vermutlich überleben wir als Menschheit nur, wenn wir das alle endlich einsehen und es schaffen, unsere Probleme als globale Gemeinschaft zu lösen.
MARCUS H. ROSENMÜLLER: Ich habe den Film durchaus nochmals intensiver wahrgenommen. Viele Aussagen werden noch klarer und dringlicher.
 
Die beiden Konzerte spielen im Film eine wichtige Rolle. Worin liegen die Herausforderungen, ein Konzert zu filmen?
JOHANNES KALTENHAUSER: Die größte Herausforderung war für uns die Aufzeichnung des Konzerts im Prinzregententheater. Aus Zeitmangel gab es keine Probe vor dem Dreh. Wir kannten zwar die einzelnen Stücke, aber nicht die neuen Arrangements mit den Münchner Symphonikern. Wir Kameraleute mussten also oft aus der Situation und aus dem Bauch heraus auf die Musik reagieren, und Rosi saß mit dem Regieassistenten Daniel Menne – der die Partitur lesen konnte – hinter der Bühne und hat uns über Interkom darauf vorbereitet, was als nächstes passieren wird. Das hat zu einer positiven, konzentrierten Anspannung geführt und wir hatten beim Drehen das Gefühl, dass uns die Energie der Musik durch den Abend getragen hat. Nach der Aufzeichnung waren wir alle platt – aber glücklich bei so einem wunderbaren Abend dabei gewesen zu sein.
 
Wieso sollte man den Film unter allen – also auch den gegenwärtigen – Umständen im Kino sehen? JOHANNES KALTENHAUSER: Es gibt einfach keinen besseren Ort als das Kino, um mit der Kraft und Poesie der Musik von Dreiviertelblut auf die Reise zu gehen.
MARCUS H. ROSENMÜLLER: Der Film lebt zum einen von den Bildern, die nicht nur durch ein Abfilmen entstanden sind, zum anderen aber auch von der Musik. Das Konzert mit den Münchner Symphonikern wurde großartig eingefangen und ist mit Sicherheit ein Hochgenuss mitsamt einer guten Kinossoundanlage. 

                                                 Marcus H. Rosenmüller                                           Johannes Kaltenhauser

Fotokredit: Manuela Theobald/Südkino