„Gundermann“ – Film über einen Musiker aus dem Osten

on Friday, 17 August 2018. Posted in Film

Interview mit Regisseur Andreas Dresen

„Gundermann“ – Film über einen Musiker aus dem Osten

GUNDERMANN erzählt von einem Baggerfahrer, der Lieder schreibt. Der ein Poet ist, ein Clown und ein Idealist. Der träumt und hofft und liebt und kämpft. Ein Spitzel, der bespitzelt wird. Ein Weltverbesserer, der es nicht besser weiß. Ein Zerrissener. Andreas Dresens Biopic ist ein kluger und einfühlsamer Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte. Kommt am 23. August ins Kino.

Herr Dresen, dieses Gespräch findet mitten im Schnitt von GUNDERMANN statt. Sie selbst haben einmal gesagt, dass Sie während des Schneidens immer wieder Neues über Ihren eigenen Film erfahren. Was war es bislang?
Jeder neue Film ist zunächst eine offene Landschaft. Man hat eine erzählerische Absicht, dann ein fertiges Drehbuch und denkt: Ja, genauso müssen wir die Geschichte erzählen. Dann beginnt der Dreh, die Schauspieler kommen hinzu, das ganze Team und schon verändert sich die Vision. Im Schneideraum versuchst du dann Schritt für Schritt, die ursprüngliche Idee wieder auszuformulieren. Und plötzlich stellst du fest, dass die Wirkung von bewegtem Bild und Sprache natürlich eine andere ist als die von reinem Text. Dann überprüfst du das Ganze und klopfst es neu ab. Bei GUNDERMANN ist allein aufgrund der Struktur mit zwei Zeitebenen
mehr möglich als bei anderen Filmen. Wir finden gerade heraus, was richtig und falsch ist.

Das gleicht gewiss einer Operation am offenen Herzen. Mit offenem Herzen sowieso ...
Irgendwann bekommt man Angst, dass man das, was schon einmal funktioniert hat, mit Änderungen kaputtmacht. Wir müssen auserdem herausfinden, ob wir die Menschen wirklich emotional erreichen oder nur aufgrund der Tatsache, dass sie Gundermann vielleicht kannten. Dafür braucht es natürlich Testläufe. Dass die Hauptfigur eine Person ist, die es tatsächlich gab, hatte ich bislang in noch keinem meiner Filme. Der Gundermann, den wir erzählen, ist trotzdem eine Kunstfigur. Es wäre ja auch vermessen, einen Menschen in einem Spielfilm eins zu eins abbilden zu wollen.

Und es wäre langweilig!
Sicher! Ein Spielfilm muss sich Fiktionalisierung, Komprimierung und Verschiebung erlauben. Insofern ist es der Gundermann der Drehbuchautorin Laila Stieler und mir. Jeder, der ihn kannte, wird sich an unserem Bild reiben konnen. Diejenigen, die Gundermann nicht kannten, sehen ihn vielleicht als reine Erfindung. Auch das ist nicht schlimm.

In Richard Engels Dokumentarfilm ENDE DER EISENZEIT sagt der ehemalige Tagebauleiter über Gerhard Gundermann: „Er hat uns tüchtig zu schaffen gemacht.“ Hat er auch Ihnen zu schaffen gemacht?
Kollegen, die direkt mit ihm zu tun hatten, haben natürlich ihre eigene Sicht auf Gundermann. Er konnte schon eine ziemliche Nervensage sein, glaube ich, war ein liebenswerter, aber eben auch fordernder und anstrengender Charakter. Ich kannte ihn nicht persönlich, nur aus Konzerten. Mir hat er also eher künstlerisch zu schaffen gemacht mit der Frage: Wie erreichen wir es, solch einen komplexen Charakter in einen Spielfilm zu transportieren? Gerade deshalb, weil Gundermann eben nicht nur sympathisch ist und viele Fragen an sich selbst, die Umwelt und damit natuürlich an die Zuschauer stellt.

Wann ist Gerhard Gundermann bei Ihnen eingerastet?
Das war bei Richard Engels Dokumentarfilm GUNDI GUNDERMANN, den ich 1983 gesehen habe. Er wurde spätabends „versendet“, weil es im Vorfeld so viel Ärger mit ihm gegeben hatte. Da wurden kritische Sachen gesagt, die fürs DDR-Fernsehen sehr ungewöhnlich waren. Von da ab war Gundermanns Name für mich gesetzt. Richard Engels Film ist bis heute ein wunderbares Zeitdokument und eine einzigartige Quelle, um Gundermann in seiner frühen Zeit zu sehen.

Wie haben Sie die Form von GUNDERMANN gefunden?
Das ist natürlich vor allem die Leistung von Laila Stieler. Die beiden Zeitebenen standen schnell fest. Die Tatsache also, dass wir, ausgehend von Gundermanns Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit in den Neunzigern, knapp 20 Jahre zurückspringen. Wir wollten darüber erzählen, wie es dazu kam, dass er mit der Staatssicherheit kooperiert und sich moralisch in die Falle laviert hat in einer Zeit, in der auch seine große Liebesgeschichte mit Conny beginnt. GUNDERMANN ist ein Film über den Versuch eines Menschen, sich mit dem eigenen Leben, mit möglicher Schuld und der Vergangenheit in einem untergegangenen Land auseinanderzusetzen. Und dann ist es natürlich ein Film über einen großen Poeten.

Und über Kunst- und Arbeitswelten.
Ja, das spielt eine große Rolle. Gundermann war ja nicht irgendein Sänger, sondern ein Künstler mit einer sehr besonderen sozialen Verortung. Einer, der vom Bagger zum Konzert fuhr und vom Konzert auf den Bagger – mit dem Kopf in den Wolken und den Stiefeln im Schlamm der Braunkohle. Und nicht zuletzt erzählen wir eine große Liebesgeschichte.

GUNDERMANN ist Ihr sechster gemeinsamer Langfilm mit Drehbuchautorin Laila Stieler. Was macht ihre Chemie aus?
Wir teilen die gleiche Sicht auf die Welt und die Menschen. Auch auf Gundermann, so konnten wir gemeinsam die wesentlichen Entscheidungen treffen. Laila und ich haben einen ähnlichen Humor, was ich sehr wichtig finde. Wir sind offen in Sachen Kritik und anschließend nicht nachtragend. Ich habe mit ihr jemanden an meiner Seite, der mit beeindruckender Geduld, Akribie, Fleiß und einem großen Herz an eine Geschichte herangeht.

War es vielleicht sogar von Vorteil, dass Sie gemeinsam über zehn Jahre an GUNDERMANN gearbeitet haben?
Es war keine verlorene Zeit. Wir beide haben ja zwischendrin andere Projekte realisiert, uns aber immer wieder getroffen und um GUNDERMANN gerungen. Da ist es manchmal ganz gut, wenn das Drehbuch ein halbes Jahr liegenbleibt und danach mit frischem Blick besehen wird. Außerdem schützt der Abstand zum Beginn der Arbeit auch vor Polemik. GUNDERMANN soll keine Antwort auf bestimmte gesellschaftliche Stimmungen sein. Es geht um eine Lebensgeschichte.

Trotzdem kommt der Film mitten in eine Zeit hinein, in der im Land wieder sehr viel über Ost-Identitäten debattiert wird.
Ich bin sehr vorsichtig mit Begriffen wie Ost-Identitat. Und Ostalgie ist mir völlig verhasst. Ich will nicht zurück ins Land DDR, was nicht bedeutet, dass ich die Idee davon sang- und klanglos verabschiedet habe. Gundermann sagt es ja so schon in seinen Bagger-Tagebüchern: „Ich gehöre zu den Verlierern. Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen.“

Gundermann hat die DDR beim Wort genommen ...
Das ist eine große Tragödie, an der in der DDR viele Menschen zerbrochen sind. Jene, die sie beim Wort genommen haben, sind zu Außenseitern, teilweise zu Verfolgten geworden. Es ist ein Paradox der Geschichte, dass Kommunisten plötzlich bespitzelt wurden. Gundermann hat selbst erfahren müssen, was es heißt, zum Gegner abgestempelt zu werden. In seinem Zitat steckt vieles drin. Beispielsweise, dass die Utopie einer gerechteren Welt ihre Berechtigung hat. Es geht ums Wie. Die DDR hat ihr Versprechen nicht eingelöst, aber das heißt ja nicht, dass die Utopie nichts taugt. Ich persönlich werde langsam ungeduldiger im Umgang mit all den Klischees, die so viele Jahre nach dem Mauerfall noch existieren, ebenso mit der unsauberen gegenseitigen Wahrnehmung. Insofern ist GUNDERMANN vielleicht unversöhnlicher als andere Filme, die wir zum Thema gemacht haben.

„Stilles Land“ war 1992 ein früher, starker Beitrag.
Wir gehen mit GUNDERMANN an den Punkt zurück, den wir damals verlassen haben. Mit ALS WIR TRÄUMTEN hatten wir es schon ansatzweise versucht, aber dabei drehte es sich ja vor allem um die Zeit nach der DDR. Jetzt geht es noch einmal neu um Schuld und Verstrickung und Fragen, die wir uns in den Neunzigern schon gestellt haben.

Gerhard Gundermann hat zu seiner 1995er Platte „Frühstück für immer“ gesagt, der Druck der Erinnerung habe die bestimmte Tonlage der Lieder geschaffen. Hat vielleicht der Druck der Erinnerung auch für diesen Film über ihn gesorgt?
Ja, klar! Wir wollten aus der Tiefe unserer Herzen über Gundermann und damit über Erinnerung erzählen. Mit jener Leidenschaft, die er selbst besaß. Es gibt automatisch viele Verknüpfungen zwischen ihm und uns. Ganz sicher geht es auch darum, wieder die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte zu bekommen, diese Geschichte nicht einfach abzustreifen. Uns ist wichtig, dass man genauer hinsieht und keine einfachen Antworten gibt. Dass man sich nicht automatisch überlegen fühlt, nur weil man gewissen Zwängen nicht ausgesetzt war. Schnelle moralische Urteile entstehen zumeist aus der Attitude heraus, sehr genau zu wissen, dass einem dies oder jenes nicht passiert wäre. Wir zeigen mit Gundermann hoffentlich auf differenzierte Weise einen Menschen, der sich gesellschaftlich eingemischt und aufgerieben, Schuld auf sich geladen und der eigenen Verantwortung gestellt hat. Es war in der DDR also sehr wohl möglich, verantwortlich zu handeln und sich trotzdem schuldig zu machen. Es geht keineswegs darum, alle Taten zu rechtfertigen. Ein interessantes Minenfeld ...

Gundermann galt einigen Menschen auch als Spinner.
Spinner ist so negativ besetzt. Ich würde ihn eher als Narr bezeichnen. Ein Narr kann Menschen nerven, aber er besitzt ebenso eine große Lebensweisheit und das Vermögen, Situationen jenseits jeglicher Konventionen zu bewerten. Er spiegelt die Welt. Wir zeigen Gundermann gerade in den Siebzigern ein wenig als solchen provozierenden Narr und Rebell.

Er wollte ja selbst Filme machen. Das hätte noch gefehlt!
Ach, warum nicht! Es hätte mich interessiert, sie zu sehen.

Wir müssen unbedingt über die Besetzung der Hauptrolle sprechen. Gab es dafür ein Casting? Musste es eines geben?
Eigentlich nicht, wir haben es trotzdem gemacht ... Alexander Scheer war für diese Figur immer wieder ein Thema. Was er dann beim Casting abgeliefert hat, war so schlagend, dass es nicht den geringsten Zweifel daran gab, dass er Gundermann sein wird. Mit dieser Entscheidung bin ich noch immer extrem glücklich. Es geht nicht so sehr um die Porträt-Ähnlichkeit, die er zweifelsohne erreicht. Alexander Scheer hat selbst etwas vom Feuer, das die Figur ausmacht. Er brannte auf eigene Weise für den Film und besitzt eine unglaubliche Begabung als Schauspieler, die Fähigkeit, völlig in eine Figur hineinzukriechen und sie von innen zu greifen. Hier kommt noch die Musikalität hinzu. Man darf nicht vergessen, dass Alexander alle Filmsongs selbst singt und Gitarre dazu spielt.

Scheer packt Gundermann am Schlafittchen ...
Es war ein echter Ritt über den Bodensee. Er ist in fast jeder Szene zu sehen. Zuvor und noch mitten im Dreh hat er sich richtiggehend in Gundermann hineinrecherchiert und ihn in kürzester Zeit komplett für sich erobert.

18 Lieder sind in GUNDERMANN enthalten. Geht es bei dieser Fülle vor allem auch um Entdecken und Wiederentdecken?
Naturlich wollen wir dem Zuschauer Gundermanns großartige Lieder nahebringen. Sie sind aufgrund ihrer sehr eigenen melancholischen Poesie essenziell und berühren mich zutiefst. Diese Berührung will ich weitergeben, deshalb brauchen die Lieder im Film diesen weiten Raum. Uns war aber wichtig, sie noch einmal einer Revision zu unterziehen und nicht eins zu eins nachspielen zu lassen. Eine Art behutsame Adaption also. Jens Quandt, der die Musikaufnahmen betreut hat, und ich haben dafür die alte Band von Gisbert zu Knyphausen gewahlt, alles „Westmusiker“, die Gundermann nicht kannten und die Lieder mit sehr viel Neugier entdeckt und bearbeitet haben.

Sie selbst interpretieren in Konzerten Gundermann-Lieder. Wie lassen sie sich singen?
Nicht leicht. Jede Form von Virtuositat verbietet sich, sonst werden sie leicht pathetisch und fühlen sich falsch an. Es geht eigentlich nur geradewegs vom Herzen her. Man sollte sie einfach ganz ehrlich aus der Seele herauspurzeln lassen, aber genau das ist so schwer.

Das Interview wurde vom Pandora Film Verleih zur Verfügung gestellt.
Fotokredit: Pandora Film Verleih