Interview mit Eva Spreitzhofer

on Tuesday, 08 January 2019. Posted in Film, Kultur

Im Gespräch mit Regisseurin Eva Spreitzhofer über diese herrlich bissige Gesellschaftskomödie.

 Interview mit Eva Spreitzhofer

„WOMIT HABEN WIR DAS VERDIENT?“ ist deftiges und scharfsinniges Komödienkino aus Österreich. Einer aufgeklärten, liberalen Patchwork-Familie wird hier ein mitleidloser, aber umso erheiternder Spiegel vorgehalten. Mit viel Humor und spitzfindigen Dialogen gelingt Regisseurin Eva Spreitzhofer und ihrem Ensemble eine herrlich bissige Gesellschaftskomödie über Toleranz und ihre Grenzen. Der Film läuft am 24. Januar, auch in Regensburg, an. Hier ein Interview mit der Regisseurin.

WOMIT HABEN WIR DAS VERDIENT? ist Ihr erster Spielfilm, für den Sie nicht nur das Buch geschrieben haben, sondern auch die Regie führen. Lag für Sie ein Unbehagen im Wiener Alltag in der Luft, dass Sie diese neue Aktualität der Religionen als Thema für Ihren Film aufgegriffen haben?
Gar kein Unbehagen. Wir saßen vor einigen Jahren in einer Runde von Eltern zusammen, unsere Kinder waren gerade am Beginn der Pubertät, und wir haben uns unterhalten, was jetzt alles auf uns zukommen wird. Alle haben die für sie schlimmsten Dinge aufgezählt: Drogen, Schwangerschaft, Schule abbrechen, dass das Kind rechtsradikal werden könnte ... Ich habe gesagt, das schlimmste für mich wäre, wenn meine Tochter plötzlich mit Kopftuch vor mir stehen und mir erklären würde, sie ist jetzt voll religiös geworden. Das fanden alle sehr lustig, dass mir Hardcore-Feministin und Atheistin sowas passieren könnte. Und das war der Ausgangspunkt eine Komödie zu machen. Das Beste für eine Komödie ist ja bekanntlich, wenn der Protagonistin das Schlimmste passiert, was sie sich vorstellen kann. Natürlich hat mich das Thema auch politisch und inhaltlich interessiert. Als ich 2016 begonnen habe, daran zu arbeiten, war das Thema noch nicht so eskaliert, aber ich hatte den Eindruck, dass sich die Linken oder fortschrittlichen Kräfte das Thema von den Rechten hatten aus der Hand nehmen lassen. Ich habe Frauen getroffen, die ein Kopftuch tragen und zu mir gesagt haben, sie wählen das nächste Mal die FPÖ, weil das die Einzigen sind, die ein Kopftuchverbot durchsetzen werden. Auf meinen Einwand, dass das aber doch die sind, die sie beschimpfen und bespucken, meinten sie, das stimme natürlich, aber der Druck auf ihre Töchter, ein Kopftuch zu tragen, ist in den Schulen in den letzten Jahren so groß geworden und das wollen sie nicht. Die sollen das selber entscheiden. Und dann haben sie lachend gesagt, dass sie sie danach dann natürlich nicht mehr wählen werden… Da hab ich kapiert, wie extrem komplex die ganze Situation ist und wie wenig das Kopftuch mit anderen Symbolen wie dem Kreuz oder der Kippa zu vergleichen ist, weil es nur für einen Teil der Geschlechter gilt. Es ist eine Sexualisierung, es teilt die Frauen in „reine“ und „unreine“ Frauen, es ist ein patriarchales Unterdrückungsinstrument gegenüber Frauen. Als Nicht-Muslimin, als Atheistin, als Feministin ist das mein Standpunkt, von dem aus hab ich das Thema untersucht. Im Film kommen aber natürlich die unterschiedlichsten Meinungen und ganz gegensätzliche Positionen zu meiner Haltung vor. Was mich sehr freut, ist, dass die Moslems und Muslima, die den Film gesehen haben, ihn total lustig fanden. Es kommen auch Witze und Situationen vor, die Nicht-Religiöse oder Nicht-Muslime gar nicht so witzig finden, weil sie einen anderen Kontext haben. Ich wollte, dass man viele verschiedene Perspektiven sieht, die immer wieder eine andere Sicht auf die Dinge ermöglichen. Und immer wenn man sich denkt: „Ja, genau!“, dann passiert etwas und man denkt sich: „Naja, so gesehen ist es natürlich anders!“, genauso ist es mir während der Recherche immer gegangen.

Standen Sie vor der Entscheidung, die Thematik von einer ernsteren, dramatischen Seite oder als Komödie anzugehen?
Nein, nie. Erstens liebe ich Komödien und finde es schade, dass ich selten im Kino eine wirklich lustige sehe. Mir liegt das und ich schreibe total gerne lustige Dialoge. Und zweitens eignet sich dieses Thema am besten für eine Komödie. Es ist viel zu komplex, um es nicht komödiantisch zu erzählen. Es ist doch absurd, dass wir jetzt ernsthaft wieder dieses Religionsthema auf der Tagesordnung haben. Das haben wir doch eigentlich in den letzten 10 oder 15 Jahren für erledigt gehalten, jedenfalls nach dem Auffliegen der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Jetzt kommt das auf einmal wieder daher und mit so einer Vehemenz. Spannend ist ja auch, dass das Frauenbild der Rechten im Prinzip das gleiche ist wie das der Islamisten: die Frauen sollen bei den Kindern bleiben, die einen bekämpfen verzweifelt das Binnen-I, um Frauen in der Sprache nicht vorkommen lassen, die anderen stecken sie in Tücher, um sie im öffentlichen Raum nicht vorkommen zu lassen. Die einen wollen die Töchter nicht in der Bundeshymne, die anderen nicht im Bikini. Die einen wollen sie ausziehen, die anderen wollen sie anziehen. Und dann die Absurdität, dass es FeministInnen gibt, die sich fürs Burkini-Tragen stark machen, während ihre feministischen Großmütter vor 50 Jahren ihre BHs verbrannt haben. Natürlich ist es klar, dass es Frauen, die aus Ländern kommen, wo Frauen überhaupt nicht schwimmen gehen dürfen, unheimlich ist, so wenig anzuhaben. Prinzipiell sollen natürlich alle anziehen dürfen, was sie wollen, logisch. Aber dass Schulen auf einmal für Mädchen, die hier geboren sind, über irgendwelche Schwimmunterrichts-Ausnahmen nachdenken, ist ein unfassbarer Backlash. Da geht’s doch dann darum, es gibt ehrbare Frauen, die verhüllen ihre Reize und tragen Burkini und dann gibt’s die Schlampen, die gehen im Bikini. Und das nicht zu unterstützen, ist eine politische Frage, keine Frage der Freiwilligkeit.

Ist es bei einem so sensiblen Thema, wo man ständig auf Tabugrenzen stößt, leichter oder heikler, eine Komödie zu verfassen?
Es ist eindeutig leichter, weil man immer an die Grenze gehen kann. Manchmal hab ich überlegt: „Darf ich das so erzählen? Darf ich mich darüber lustig machen?“, und dann hab ich an Monty Pythons Das Leben des Brian gedacht, einen meiner Lieblingsfilme, und dann hab ich’s gemacht. Alles, was in meinem Film vorkommt, gibt es in Wirklichkeit. Für jedes einzelne YouTube-Video im Film gibt es eine Vorlage, wir haben es nur nachgedreht bzw. so verändert, dass wir keine Rechteprobleme bekommen. Alles, was gesagt wird, habe ich auch in Wirklichkeit gehört. Ich habe sehr aufgepasst, keine Codes zu verletzen. Zum einen aus inhaltlichen Gründen, weil ich wollte, dass alles stimmt, und die Realität ist sowieso immer lustiger als das, was man sich ausdenkt. Und natürlich auch, weil ich überleben wollte. Ich war zum ersten Mal in meiner Laufbahn als Autorin mit der Frage konfrontiert, ob das, was ich schreibe, gefährlich sein kann. Das ist eine schlimme Entwicklung.

Hatten Sie das Gefühl, bei diesem Drehbuch anders zu schreiben, wissend, dass Sie es selber umsetzen würden?
Nein. Das Drehbuch ist ja die Arbeitsgrundlage nicht nur für die Regie, sondern auch für alle anderen Departments am Set. Je genauer etwas beschrieben ist, umso klarer wissen alle, was ich will. Aber es war natürlich großartig, dass ich dann am Set auf alles reagieren konnte, wenn ich bemerkt habe, dass irgendwas nicht funktioniert oder wenn ich gesehen habe, dass etwas, was im Buch lustig ist, beim Drehen anders sein muss. Und auch umgekehrt wusste ich sehr genau, worauf ich bestehe, was auf keinen Fall anders sein darf als im Buch.

Wie sieht die familiäre Patchwork-Konstellation aus? Warum haben Sie sich für diese weniger klassische Form der Familie entschieden?
Zum einen kenne ich diese Form von Familie sehr gut, weil ich immer so gelebt habe. Und die bürgerliche Kleinfamilie kommt ohnehin oft genug im Kino vor. Ein Film, den ich sehr mag, ist Monsieur Claude und seine Töchter, wo aus einer sehr katholischen, konservativen Position heraus andere Religionszugehörigkeiten, Vorurteile, Hautfarben witzig aufeinanderprallen. Für das Thema ist eine liberale Patchwork-Familie halt auch deshalb lustig, weil hier Menschen mit Offenheit und Toleranz plötzlich nicht mehr weiterkommen, wenn sie auf Leute treffen, die gar nicht tolerant sind und finden, dass Toleranz das Schlimmste ist, was es gibt. Patchwork-Situationen eignen sich außerdem hervorragend für Komödien, weil sie so kompliziert sind und man sich damit identifizieren kann, auch wenn man es selbst nicht lebt. Alle Familien funktionieren ja im Prinzip ähnlich, auch in der Kleinfamilie entstehen immer wieder Situationen, die einen überfordern, weil man einander sehr mag und sich gleichzeitig auch auf die Nerven geht.

Den Fokus des Konflikts legen Sie auf den Mutter-Tochter-Konflikt. Die Männer scheinen alle entspannter, indifferenter, vielleicht unwachsamer? Zeigen Sie da in der Familie im Kleinen auch das gesellschaftliche Dilemma zwischen Reagieren und Gewähren-Lassen?
Normalerweise haben Frauen in Filmen ja irgendeine Beziehungskrise als Problem zu bewältigen, das hat mich überhaupt nicht interessiert. Wanda (in deren Haushalt Nina lebt) und Harald, Ninas Vater (der wieder heiratet), funktionieren nicht nur als Eltern gut und man fragt sich zwischendurch, warum sie sich eigentlich getrennt haben. Aber so ist das eben. Manchmal geht man auseinander, obwohl man auch gut zusammenbleiben könnte. Wanda und Harald sind gut miteinander, ihre jeweils neuen Partner tun ihnen aber auch gut. Tony ist ein paar Jahre jünger als Wanda, er ist jemand, der selbstverständlich gendert, der sich mit Wanda den Haushalt teilt. Sie ist auch die, die als Chirurgin mehr verdient als er mit seiner Kunst. Normalerweise ist das ja schon der Hauptplot des Films, wenn der Mann jünger ist oder sie sich den Haushalt teilen. Ich wollte Sehgewohnheiten verändern, ohne dass man das besonders wahrnimmt. Die Männer sind nicht so aktiv, weil Wanda die Protagonistin ist. Die Männer haben großartige Rollen, aber Nebenrollen – das ist man nicht so gewöhnt in Filmen. Und innerhalb der Familie ist es oft halt nicht so leicht, wenn man kein Elternteil ist, aber mit Pubertierenden lebt. Darf man was sagen, bringt das was, sich einzumischen? Welche Rolle hat man da? Tony ist schon sehr unterstützend für Wanda, aber er ist halt nicht der Vater. Er hält sich aus vielem raus, aber er sagt schon in entscheidenden Situationen, wo es ihm reicht. Harald ist auch froh, dass Wanda so eine Checkerin ist, weil er gerade das Problem hat, dass seine neue Frau ein Baby bekommt. Ich wollte sie extra nicht zu jung erzählen, um ihn nicht zu beschädigen mit diesem Klischee „älterer Mann sucht sich jüngere Frau“. Sie ist um die 40, also so jung, dass sie ein Kind mit ihm haben will, und das ist genau das, was er gar nicht mehr wollte. Gleichzeitig steht er halt sehr auf sie und macht das deshalb für sie. Es überfordert ihn, aber er macht alles mit. Ich finde ja, den Film kann man sich öfters anschauen, weil er so viele Facetten hat, die einem nicht gleich auffallen. Gerade in den Szenen, wo viele Leute vorkommen, ist es unglaublich, was die da alle spielen. Jede einzelne Figur für sich ist so komisch, so einfallsreich, so außergewöhnlich. Ich hab den Film während des Schneidens und der Mischung so oft gesehen und ich entdecke immer noch neue, großartige Sachen.

Am Ende ist die Solidarität unter Frauen der einlenkende Faktor, der gegenüber der Religion in den Vordergrund tritt. Wo und wie sehen Sie denn einen Ausweg aus diesen religiös determinierten gesellschaftlichen/familiären Streitfragen?
Solidarität, Bildung, Feminismus – das ist im Prinzip das Rezept für alles. Ich wehre mich gegen das Argument, dass wir die Frage des Kopftuchs den Muslimen überlassen sollen. Ich setze mich auch dafür ein, dass es Rampen gibt auf Gehsteigen, ohne dass ich im Rollstuhl sitze. Wenn Frauen und Mädchen wie verhüllte Gespenster über die Straßen schleichen, während ihre Männer und Söhne in kurzen Hosen daneben herum spazieren, dann geht es nicht um freie Kleiderwahl. Es gibt bestimmte Dinge, wo eine offene Gesellschaft klar dafür eintreten muss, wofür sie steht. Als wir die Szene gedreht haben, in der Wanda und Harald Niqab tragen, war das so klar, dass es darum geht, die Persönlichkeit von Menschen unsichtbar zu machen, ich hab sie nur mehr an den Schuhen auseinander halten können. Und das Argument der Freiwilligkeit ist ja Unsinn. Wenn man den Mädchen sagt, dass ihre Eltern in die Hölle kommen, wenn sie kein Kopftuch tragen, dann setzen sie es halt auf, freiwillig. Und jedes Mädchen, jede Frau soll’s ja auch machen dürfen, aber eben auch kennen lernen, wie es sich ohne anfühlt, wie es sich anfühlt, so zu sein wie die anderen – in der Schule eben. Kinderrechte müssen klar über Religionsrechten stehen. Andererseits wird das Thema natürlich von den Rechten als xenophobe Hetze verwendet und nicht, weil sie für Frauenrechte eintreten. Wenn die Frauenministerin das Frauen-Volksbegehren nicht unterstützt, Frauenorganisationen ihre Subventionen streicht, aber ein Kopftuchverbot an Schulen will, dann ist das ja auch schon ein Plot für eine Komödie.

WOMIT HABEN WIR DAS VERDIENT? ist ein Film mit einer großen Anzahl an DarstellerInnen. Mit welchen Überlegungen sind Sie ans Casting Ihres Spielfilmdebüts herangegangen?
Caroline Peters war immer meine Wunschbesetzung. Sie ist großartig, ich liebe es, ihr zuzuschauen. Für die Hauptrolle der Wanda wollte ich eine Frau, die eine absolute Komödiantin ist und total wandelbar. Ich liebe französische und britische Komödien, weil ich da nicht alle gleich wieder erkenne. Das war auch ein Grund, warum ich der Hilde Dalik die Haare braun gefärbt habe. Ich liebe sie als Schauspielerin, aber ich wollte sie einmal ganz anders sehen. Und das war auch grandios, was das mit ihr und der Rolle gemacht hat. Für den Hauptcast hab ich unserer Casterin Eva Roth gesagt: ich kann mir nicht fünf Leute für eine Figur anschauen. Ich schau mir eine Person an, maximal zwei und dann verlieb ich mich in die oder nicht. Und wenn nicht, dann überleg ich mir wen anderen. Und das hat sehr gut funktioniert. Auch, weil Caroline Peters immer bei den Castings dabei war. Deshalb ist sie auch so eine wunderbare Schauspielerin, weil sie sich nicht nur dazu bereit erklärt hat, sondern weil es sie auch interessiert hat, wer ihre Tochter, ihren Ex-Mann, ihren Freund spielen wird. So hab ich sofort gesehen, ob das funktioniert – glaub ich die als Familie oder nicht. Chantal Zitzenbacher war auch ein großer Glücksfall, sie ist eine so komödiantische junge Schauspielerin, die ja auch mit all den alten Hasen mithalten musste. Sie hatte einen Coach für all die islamischen Ausdrücke und alle ihre Fragen und hat sich schon in der Vorbereitung total reingesteigert. Simon Schwarz ist ein absoluter
Liebling von mir, ich kann mich endlos über ihn amüsieren und ich finde, man hat ihn so noch nie gesehen, so erwachsen, so verzweifelt, so lustig. Marcel Mohab find ich auch so sexy und so lustig, ich war sehr glücklich, wie ich gesehen habe, dass er so gut in diese Familie passt. Ich wollte sowohl bei meiner Crew als auch bei meinem Cast nur Leute, die ihren Job super können und die ich mag. So seltsam das vielleicht klingt, aber da kann jemand noch so toll sein, wenn das menschlich nicht passt, dann will ich das nicht. Das ist einfach das Beste am Regie führen, dass ich das entscheiden kann.

Welches Publikum wünschen Sie sich?
Ein möglichst großes natürlich und ein vielfältiges. Ich wollte einen Film machen, bei dem man lachen kann und weinen und über den man nachher diskutieren kann. Wir hatten ein Testscreening, wo das Publikum gebrüllt hat vor Lachen, das war wunderbar. Danach mussten sie Fragebögen ausfüllen und in einem stand: „So einen Film erwartet man nicht aus Österreich. Er fühlt sich an wie eine französische Komödie.“ Da war ich sehr vergnügt. Genau das wollte ich.

Interview: Karin Schiefer im September 2018
Zur Verfügung gestellt von www.filmpresskit.de