Muddy What?

on Friday, 03 May 2019. Posted in Nachschau

Kritik zum Konzert am 27. April in der Kneipenbühne in Oberweiling

Muddy What?

Beam us back to Hippie! Das ist ein unfrommer Wunsch, der wohl nicht in Erfüllung gehen wird. Trotzdem gibt es Momente, in denen – musikalisch gesehen – die Zeit sich zurückdreht und für immer in den späten Sechzigern stehen bleibt. Ich fang anders an: Noch 'ne Bluesband? Mickymaus-seufz. Nein. Man hat es satt, das behäbige Geschrubbe der Heimatsound-Cracks zu hören, die mit weinerlichen Texten (teilweise gar auf Oberbayerisch!) und Melodien, die nicht über den übermäßigen Quartraum (von der kleinen Septime bis zur großen Terz) hinauskommen, ihre zweifelhaften Erfolge krönen – das sind oft hochdekorierte Nichtskönner, die von einer ignoranten provinziellen Fangemeinde stiefelgeleckt werden. Da aber erscheint als Erlösung– nicht auf der Bildfläche, sondern – im Sinnesraum oder "from outer space" ein Trio, das mit traumwandlerischer Sicherheit den elektrischen Blues der Hippiegeneration zu neuem Leben erweckt. Tusch: "Muddy What?". Von links nach rechts: Ina Spang, eine hervorragende E-Solo-Gitarristin und Mandolinenvirtuosin, beherrscht ihre Instrumente nicht nur technisch, sondern sie designt auch die Sounds; ja, das hat schon vor Urzeiten der Hendrix gemacht, und nein, sie ist nicht so gut wie Jimi, aber sie hat Power wie selten ein Blues-Sologitarrist, sorry, ein(e) Blues-Solo-Gitarrist*in (trauriger Gruß an die SprachzerstörerInnen). In der Mitte sitzt Michi Lang am Schlagzeug, der seine Batteria ebenso verhalten wie gefühlvoll bedient, um anhand dynamischer Eruptionen zu explodieren (ja, das ist absichtlich Yellow-Submarine-mäßig doppelt gemoppelt) wenn es an der Zeit ist – und wann es an der Zeit ist, weiß er punktgenau. Er produziert Blütenkaskaden fürs erprobte innere Auge, nicht nur in seinem bemerkenswerten Solo. Daneben schließlich steht Fabian Spang, dessen Stimmgewalt jeder Beschreibung spottet. Mich erinnert er manchmal ein wenig an Chappo (Roger Chapman), ein Enfant Terrible der britischen Rockmusik, das mit seiner Kompromisslosigkeit schon in den späten Sechzigern den Punk vorwegnahm. An der Gitarre ist Spang ein zuverlässiger Groover, der seiner Schwester alle Möglichkeiten offenlässt – und hin und wieder erweist er sich auf der Dobro als phantastischer Slider.
Das Programm des Trios reicht von Chuck Berry-Nummern über solche von den Stones, Jimi Hendrix und Bob Dylan; einige Klassiker à la Muddy Waters und Son House sind auch dabei, immer in sehr individueller Interpretation präsentiert und nicht einfach nur nachgespielt; und die erstaunlichen Eigenkompositionen fügen sich nahtlos ins Gesamtbild. Die Band verliert nicht viel Worte, labert nicht, um Zeit zu gewinnen, sondern spielt stattdessen; und spielt … und spielt einen Hammer nach dem anderen, ohne – und das gefällt mir immer ganz besonders gut – jeglichen Spickzettel, selbst bei komplexen Dylantexten (Lesehilfen und Notenständer machen zum Großteil grundsätzlich das Feeling zunichte). Unterm Strich: Die junge Band "Muddy What?" ist einfach phänomenal. Das sah übrigens das Publikum in der vollen Kneipenbühne ebenso. Es gibt also Hoffnung für den zumindest in Bayern so sehr geschundenen Blues (Golly Hertlein)
Fotokredit: Golly Hertlein