Kritik zur Premiere von „Frankenstein“ im Velodrom am 2. Februar

on Thursday, 07 February 2019. Posted in Kultur

Von Nick Dear, nach dem gleichnamigen Roman von Mary Shelley, Deutsch von Corinna Brocher. Weitere Aufführungen bis Mitte Mai

Kritik zur Premiere von „Frankenstein“ im Velodrom am 2. Februar

Wie bringt man den 200 Jahre alten Schauerroman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ auf die Bühne, ohne ihn als Comic oder Groteske darzustellen? Die Antwort liefert die Bühnenfassung von Nick Dear, inszeniert von Sam Brown am Theater Regensburg.
Der erste Teil des Stücks spielt in einem High-Tech-Labor, in dem Victor Frankenstein sein Wesen kreiert und zum Leben erweckt. Dort kommt das Monster mit anderen Menschen-Wesen in Kontakt – allesamt Geschöpfe aus dem Labor, aber eben noch halbe Maschinen mit menschlichem Äußeren. Hier vollzieht sich die Mensch-Werdung des Wesens, das seine anfangs ungelenk-äffischen Bewegungen koordiniert, durch den blinden De Lacey, der in seiner Stube mit Büchern sitzt, sprechen, lesen und schreiben lernt – welch eine absurde Konstruktion – und mit den Grundfragen des menschlichen Daseins konfrontiert wird: Wer bin ich – Woher komme ich – Was macht mich zum Menschen.
Das sind die Fragen, die das Wesen von seinem Schöpfer beantwortet haben will – aber der entzieht sich seiner Verantwortung, vergräbt sic h in seinem Schweizer Domizil. Das Wesen muss zum Monster werden, damit sich sein Erzeuger seinem Geschöpf stellt. Und der Aufschrei– Warum hast du mich verlassen! – markiert einerseits die Verlorenheit der Kreatur und andererseits die Verweigerung des Wissenschaftlers, Verantwortung für seine Kreation zu übernehmen. Die Frage, wer von den beiden das Monster ist, ist an dieser Stelle nicht mehr zu beantworten, müßig, beide sind in ihrer Schuld und Verantwortungslosigkeit austauschbar geworden. In einer unwirtlichen Hochgebirgskulisse entfaltet diese Auseinandersetzung eine ungeheure Dramatik und verlangt den beiden Schauspielern auch körperliche Höchstleistungen ab. 
Der dramaturgische Clou bei dieser Produktion ist die Austauschbarkeit der beiden Rollen – zu Beginn der Aufführung wird eine Münze geworfen, wer von den beiden Darstellern welche Rolle an diesem Abend übernehmen wird. Bei der Premiere fiel das Los – anders als bei der Generalprobe übrigens - auf Jonas Hackmann als Viktor Frankenstein und Phillip Quest als das Wesen, und beide überzeugten in ihrer Rolle so, dass man keine andere Wahl treffen möchte. Die Bewegungschoreografie von Morgann Runacre-Temple lieferte eine überzeugende Körpersprache sowohl für die Rolle des Monsters als auch für Viktor Frankenstein, ebenso Tamas Mester als Verantwortlicher für die Kampfszenen. Und bei jeder weiteren Aufführung steht am Anfang erneut die Frage: Wer ist diesmal das Monster?  (a.r.m)
Fotocredit: Marion Bührle