Kritik zur Premiere von M’Orpheo

on Wednesday, 18 March 2020. Posted in Musik, Kultur

Premiere am 14. März 2020 im Velodrom

Kritik zur Premiere von M’Orpheo

Musiktheaterperformance in fünf Akten von Hauen und Stechen
Nach Motiven von Claudio Monteverdi (1567-1643)
Techno-Kompositionen: Gebrüder Teichmann
Arrangement der Musik Monteverdis: Tom Woods
Uraufführung, Auftragswerk für das Theater Regensburg

Oper in den Zeiten von Corona – das war eine doppelte Uraufführung der Opernproduktion des Theater Regensburg. Die Premiere fand angesichts der Verbote von öffentlichen Veranstaltungen nämlich ohne Zuschauer statt – nicht ganz, denn einige Vertreter der Medien verteilten sich auf der Galerie, und im abgesperrten Zuschauerraum hielten die Mitglieder aus den Theaterensembles reichlich Abstand zueinander und zur Bühne. Außerdem sorgte ein Technikteam dafür, dass ein Live-Stream übertragen werden konnte.
Es war ein Anliegen der Sänger, Spieler und der Techniker, dass diese Premiere trotz der widrigen Umstände stattfinden sollte. Das Experiment, die Monteverdi-Oper mit modernen Mitteln der Theatersprache auf die Bühne zu bringen, war sehr aufwändig und lange vorbereitet und sollte zumindest einmal gespielt werden (weitere Vorstellungen werden sicher folgen, wenn Aufführungen wieder möglich sind).
Ein Vorspiel vor dem Theater eröffnet die Oper, eine ziemlich seltsame maskierte Hochzeitsgesellschaft zieht aus der Gasse zum Eingang, und der Vergleich mit den Pestumzügen in Venedig stellt sich sofort ein. Die Bühne im Velodrom ist für die Unterwelt vorbereitet, der Orchestergraben ist eine Spielstätte, das Orchester sitzt auf der Bühne, verborgen hinter einer Art Beduinenzelt. Und jetzt ist der Zuschauer gefordert, manchmal überfordert, den verschiedenen Spielebenen zu folgen, die Video-Übertragung aus der Unterwelt, die Szeneneinblendungen und Texte zu lesen, und manchmal ist auch nicht klar, welche Rolle den verschiedenen Szenen, zum Beispiel dem Interview mit dem alten Mann, zugedacht sind. Die Rolle des Orpheus ist auf drei Protagonisten gesplittet, neben Thorbjörn Björnsson, der leidenschaftlich spielt und leider auch singt, verkörpern Onur Abaci und Vera Semieniuk die Figur. Aber nicht nur für den Orpheus sind sie zuständig, ein stetiger Wechsel der Rollen gehört zum Prinzip der Aufführung. So wird ständig dahingetauscht zwischen den Gesangspartien, Sara-Maria Saalmann, Onur Abaci und Vera Semieniuk schlüpfen in verschiedene Rollen, tauschen Kostüme und wechseln von der Ober- in die Unterwelt. Johannes Mooser wird in ein weißes Hamsterkostüm gesteckt als Plutone, Herrscher der Unterwelt, oder wer immer er auch sein mag.
Die Musik wechselt zwischen der barocken Oper Monteverdis zu Techno-Einspielungen, gesteuert von einer Plattform am Rand der Bühne, und überraschenderweise ergibt sich daraus ein ganz stimmiger „Sound“. An dieser Stelle müssen die Gesangsleistungen der fünf Operndarsteller herausgehoben werden: Onur Abaci als Sopran bezaubert und beeindruckt, ebenso wie Sara-Maria Saalmann, Vera Semieniuk, Johannes Mooser und Oliver Weidinger, und auch der Opernchor trägt zur Klangopulenz bei. Eigentlich hätte man gern noch mehr von ihnen gehört, als in dieser gut drei Stunden dauernden Aufführung möglich war.   
Obwohl nur wenige Zuschauer im Velodrom dabei sein konnten, wurde lange applaudiert für diese unkonventionelle, mutige Produktion des Theaters. (arm)
Eine weitere Kritik in der Süddeutschen Zeitung vom Montag, 16. März – zum Nachlesen unter diesem Link:
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/kritik-stille-feier-der-musik-1.4845059

Fotokredit: Theater Regensburg J. Quast