Kritik zur Premiere von „Vor Sonnenaufgang“ am 6. April im Theater am Bismarckplatz

on Tuesday, 09 April 2019. Posted in Kultur

weitere Aufführungen am 12.4., 15.4., 28.4., im Mai und Juni

Kritik zur Premiere von „Vor Sonnenaufgang“ am 6. April im Theater am Bismarckplatz

Als das Erstlingswerk von Gerhart Hauptmann 1889 in Berlin Premiere hatte, rief dies seinen veritablen Theaterskandal hervor, und der Thronfolger Wilhelm II. wird mit den Worten zitiert, dass ihm „die janze Richtung“ nicht passe. Das naturalisitsche Drama provozierte mit dem Bühnenpersonal aus der Unterschicht, die entsprechend der These des Determinismus quasi dazu verdammt sind, für das Fehlverhalten der Vorfahren zu büßen, sie enden in Suff und Selbstmord.
Das kann man allerdings heute so nicht mehr spielen, und so hat Ewald Palmetshofer die Vorlage von Hauptmann in die Gegenwart transponiert. Aus den neureichen Bauern wurde eine mittelständische Unternehmerfamilie,  Vater Egon Krause (Gero Nievelstein) hat dem Schwiegersohn die Firma übergeben, die hochschwangere Tochter Martha (Denia Nironen) will ihr Kind zu Hause entbinden, ihre Schwester Helene (Inga Behring) reist aus der Großstadt an, um sie zu unterstützen, der Schwiegersohn Thomas (Guido Wachter) hat politische Ambitionen  und kandidiert für eine rechte Partei, und Anni (Susanne Berckhemer), die zweite Ehefrau von Egon, schwirrt als Familien-Managerin umher. In diese Konstellation kommt ein ehemaliger Kommilitone von Thomas,  Alfred Loth (Philipp Quest), ein linker Journalist, und bringt die scheinbare Idylle ins Wanken. Zwischen Helene und Alfred bahnt sich eine Beziehung an, sie verlieben sich und Helene hofft auf einen Neuanfang in ihrem Leben, ihre Beziehungen sowie ihr Unternehmen sind gescheitert. Thomas und Alfred verbindet lediglich eine kurze gemeinsam verbrachte Studentenzeit, sie vertreten radikal ihre konträren politischen Positionen. Der Arzt (Robert Herrmanns) analysiert nüchtern-pessimistisch die Lage und sieht die Menschheit dem Untergang geweiht.
Die hochschwangere Martha wechselt zwischen Fröhlichkeit, Sarkasmus und Wut, und obgleich es am Anfang scheint, dass diese Stimmungsschwankungen der Schwangerschaft geschuldet sind, wird doch rasch klar, dass es das Erbe ihrer Mutter ist, der „schwarze Hund“, der sich auf sie legt, die Depression, die ihre Mutter in den Tod getrieben hat. Und als sie am Ende ein totes Kind zur Welt bringt, verfällt sie dem Wahnsinn. Alfred verlässt Helene, er befürchtet, dass auch sie die Krankheit in sich trägt. Dieses Ende ist der deterministischen Weltsicht Hauptmanns geschuldet, aber in der Neufassung überzeugt dieser Schluss nicht mehr, die Begründung ist nicht zwingend. 
Michael Lindner hat ein mutiges Bühnenbild entworfen. Sechs Schauspieler stehen zu Beginn auf der fast leeren Bühne, begrenzt durch raumhohe himmelblaue Seitenwände, sonst nichts, der siebte, Alfred Loth, kommt als Außenstehender durch den Zuschauerraum hinzu. Die jeweils handelnden Personen agieren vorne, die anderen halten sich eingefroren im Hintergrund. Lediglich ein Karton und zwei große Einkaufstaschen stehen als Requisiten herum. In dieser reduzierten Umgebung dominiert der Text, und hier hätte es einer Reduktion bedurft. Halbsätze werden hin und her geworfen, die die Banalität der Beziehungen verdeutlichen sollen, und da ist viel Redundanz vorhanden. Ein Lob an die Schauspieler, die diesem stellenweise recht papierernen Text Leben und Tiefe geben. Es sind anstrengende zweidreiviertel Stunden am Bismarckplatz, aber die großartigen Schauspieler helfen über manche Länge weg. Keine leichte Kost, aber sehenswert! (arm)
Fotokredit: Marion Bührle