Kritik zur Premiere von „Wish List“ im Theater am Haidplatz am 8. Februar

on Monday, 11 February 2019. Posted in Kultur

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Kritik zur Premiere von „Wish List“ im Theater am Haidplatz am 8. Februar

Die Spielstätte am Haidplatz des Theaters Regensburg ist prädestiniert dafür, neue und kontroverse  Stücke zu zeigen, die sich besonders für die kleine Bühne eignen. Kein leichter, aber ein beeindruckender Abend war die Premiere von „Wish List“ am 8. Februar, einem Stück von Jessica Higgins, in der deutschsprachigen Erstaufführung.
Mit „Wish List“ wurde erneut ein Drama gewählt, das die bedrückende Perspektivelosigkeit von Individuen in der post-industriellen Gesellschaft auf die Bühne bringt. Es geht um Tamsin, ein junges Mädchen, und ihren Bruder Dean. Der leidet unter Zwangsstörungen und kann deshalb keiner Beschäftigung nachgehen, er ist sogar nicht in der Lage, die Wohnung zu verlassen oder mit anderen Menschen als mit seiner Schwester zu sprechen. Da die Mutter verstorben ist (und ein Vater nicht vorkommt), ist Tamsin gezwungen, irgendwie den Lebensunterhalt für beide zu verdienen. Deshalb nimmt sie einen Job bei einem Versandhändler an und wird dort mit Akkordarbeit, stupiden  Arbeitsabläufen und Vorgaben, die kaum zu erfüllen sind, konfrontiert. Als das Sozialamt die Unterstützung für Dean streicht, zerbricht das so mühsam aufrecht erhaltene Stückchen Normalität für die Geschwister. Auch eine sich anbahnende Beziehung Tamsins zu einem Teamkollegen bleibt unerfüllt, ebenso ihr Traum, doch noch einen Schulabschluss zu machen, ihr Wunsch,  Astrophysik zu studieren, bleibt  Illusion.
Die jungen Schauspieler überzeugen in ihren Rollen, und Kristóf Gellén stellt die Zwangshandlungen seiner Figur Dean erschreckend real dar. Inga Behring verkörpert Tamsin sensibel und intensiv, man spürt förmlich ihre Verzweiflung und Liebe zu ihrem Bruder, der nicht aus seiner Störung ausbrechen kann, obwohl er es versucht. Der Teamleiter im Packzentrum (Gero Nievelstein)  kontrolliert die Arbeitsleistung und treibt die Mitarbeiter mit unsinnig hohen Vorgaben an, und obwohl er sieht, dass diese nicht einzuhalten sind, versteckt er sich hinter den Arbeitsnormen, die ihm von seinen Vorgesetzten vorgegeben sind, und treibt seine Arbeitssklaven zu höheren Leistungen an.
Luke (Murat Dikenci), der Arbeitskollege im Team, kann mit seiner warmen und witzigen Art Tamsin aufmuntern und unterstützen, und als sich eine zarte Beziehung anbahnt, scheinen sich für Tamsin für kurze Zeit neue Perspektiven aufzutun. Aber die Realität holt sie brutal wieder zurück. Luke, der seinen Traum von einer weiteren Ausbildung verwirklichen wird, verlässt das ausbeuterische Arbeitsverhältnis, Tamsin muss sich, um weiter für ihren Bruder sorgen zu können, von ihrem Traum verabschieden.
Katherine Soper schrieb das Drama als Masterarbeit des Studiengangs Dramatisches Schreiben, 2016 wurde das Stück in London uraufgeführt. Deutlich ist die Kritik am englischen Sozialsystem formuliert, ist aber übertragbar auf jede andere Industrienation. Die Arbeitsbedingungen als Packerin im Versandhandel, die die Bezeichnung moderne Sklaverei geradezu herausfordern,  sind jedenfalls auf die gängigen Versandriesen übertragbar, und eigentlich sollte sich jeder überlegen, ob er mit seinem Click auf „bestellen“ diese Arbeitsbedingungen weiter unterstützen will.
Die vier jungen Schauspieler zeigen eine bedrückend aktuelle Seite unserer modernen Gesellschaft. Wie eingangs gesagt – es ist kein leichtes Stück, aber eines, das lange im Gedächtnis bleibt. (a.r.m)
Fotokredit: Theater Regensburg/Marion Bührle