Tartuffe - Komödie von Molière (1622–1673)

on Thursday, 21 November 2019. Posted in Kultur

Kritik zur Premiere am Theater Regensburg am 16. November

Tartuffe - Komödie von Molière (1622–1673)

Eine Komödie, vor mehr als 350 Jahren in der Zeit des französischen Absolutismus geschrieben – kann so ein Theaterstück heute noch funktionieren? Es kann, und die spannenden fast zwei Stunden im Theater am Bismarckplatz zeigen, dass der Stoff noch immer hochaktuell ist.
Das Schreckensbild einer Diktatur von Heuchlern – nach Innen verkommen, nach Außen sich aufspielend als die Retter der Nation – besitzt erstaunliche Aktualität. Tartuffe, der Intrigant, Erfinder von alternativen Fakten und bigotter Frömmelei, erschleicht sich das Vertrauen von Orgon, dem großbürgerlichen Familienoberhaupt, wird zu dessen alleinigem Vertrauten und gibt vor, ihm bei der Suche nach Glauben und Moral zu helfen. Alle Versuche der Familie, den Vater von diesem Betrüger abzubringen, scheitern, denn alles Gegenreden wird ausgelegt als Verschwörung der anderen – das typische Szenario von diversen Verschwörungstheorien, die allesamt den Abschied aus der Realität vollziehen.
Tartuffe, der bigotte Intrigant, großartig verkörpert von Jonas Hackmann, mit strähniger Perücke und teuflisch rot geschminktem Gesicht, ist am Anfang nur in den Gesprächen der Familienmitglieder präsent, ehe er in der Mitte des Stücks selbst auftaucht und sich an Elmire (Silke Heise), der Ehefrau von Orgon (Gerhard Hermann), heranmacht, die seine direkte Anmache entrüstet zurückweist. Um Tartuffe an sich zu binden, verspricht Orgon diesem sein gesamtes Vermögen und zusätzlich Mariane, seine Tochter (Denia Nironen) als Ehefrau. Erst als Elmire ihren Mann dazu zwingt, eine eindeutige Szene zwischen ihr und Tartuffe zu belauschen, jagt Orgon den Heuchler aus dem Haus. Doch da ist es bereits zu spät, Tartuffe hat die Schwächen von Orgon ausgenutzt, hat sich bereits ein anderes Opfer gesucht und fungiert als Berater des Königs – sein Aufstieg wird besiegelt mit der Vernichtung der bürgerlichen Existenz der Familie des Orgon. Die Zofe Dorine, die von Anfang an mit ihrer spitzen Zunge und ihrer Menschenkenntnis den Betrüger entlarven will, ist eine Paraderolle für Inga Behring, die sie mit Witz, Komik  und auch drastischen Aussprüchen ausfüllt. Michael Heuberger in der Rolle der Madame Pernelle, Mutter des Orgon, bringt auch am Ende noch die Verblendung dieser ältlichen Dame auf den Punkt. Cléante, Orgons Schwager (Michael Haake), ist als rationaler Geist der ideale Gegenspieler zum jugendlich-stürmischen Sohn Damis (Philipp Quest), der, vom Vater verstoßen, am Ende nur noch hilflos dem Drama zusehen kann. Valère (Kristóf Gellén) als der Verlobte von Mariane kann in der Rolle ebenso überzeugen wie der Gerichtsvollzieher (Thomas Weber), der der Familie die Gnade erweist, das Haus nicht sofort, sondern erst am nächsten Morgen räumen zu müssen.
Das Bühnenbild (Sascha Gross) für diese knapp zwei Stunden spannendes Sprechtheater besteht aus einer schiefen, rutschigen Ebene, und diese Glätte führt auch zum Ende der bürgerlichen Existenz, die Akteure schlittern in einem Knäuel die spiegelnde Fläche hinunter. „So sad“ steht als Leuchtschrift über der Szene und deutet den Schluss an - Es gibt kein Happy End in dieser Fassung von Peter Wittenberg, das Ende ist stimmig und aufrüttelnd zugleich – und eigentlich der „pädagogische Zeigefinger“ in diesem alten, aktuellen Stück. Kurz - Ein spannender Abend, der mit viel Beifall vom Premierenpublikum gewürdigt wurde.
Die Uraufführung des „Tartuffe“ löste 1664 einen handfesten Skandal aus, der zum Aufführungsverbot durch Ludwig XIV. führte. Molière musste fünf Jahre lang kämpfen, bis seine Komödie wieder gespielt werden konnte.
Fotokredit: Martin Sigmund