„The Who and the What“ von Ayad Akhtar

on Monday, 27 January 2020. Posted in Kultur

Kritik zur Premiere am 18. Januar im Theater am Haidplatz

„The Who and the What“ von Ayad Akhtar

„Du bist nicht mehr meine Tochter!“ Das ist der vorläufige Endpunkt zwischen Zarina und ihrem aus Pakistan stammendem Vater Afzal in diesem Drama von Ayad Akhtar. Afzal (Gerhard Hermann), der sich in Atlanta ein gutgehendes Taxiunternehmen aufgebaut hat, sorgt seit dem Tod seiner Frau rührend um seine beiden Töchter Zarina (Verena Maria Bauer) und Mahwish (Inga Behring). Als strenggläubiger Muslim möchte er seine beiden Töchter gut verheiraten und erwartet von der Älteren, dass sie sich endlich einen passenden Partner sucht, hilft nach und kontaktiert auf muslim.love selbst mögliche Ehemänner für sie. Er findet auch einen akzeptablen Bewerber und arrangiert ein Date mit Eli (Philipp Quest) und Zarina, die diesen Mann dann tatsächlich heiratet. Das stellt sich im Lauf der Handlung als eine gute Entscheidung heraus, denn er unterstützt sie bei ihrem Vorhaben, einen Roman zu schreiben, über nichts weniger als über das Liebesleben des Propheten. Mit diesem Buch verletzt sie ein Tabu vieler konservativer Muslime, ihr Vater ist außer sich und verlangt von ihr, das fertige Manuskript zu vernichten. Er ist nicht nur in seiner religiösen Überzeugung tief getroffen, sondern hat auch Angst um seine Tochter – „sie werden dir was antun, du kannst nie mehr nach Pakistan reisen“. In dieser Situation weist er sie aus seinem Haus. Eli, der Ehemann, hält zu Zarina, verliert dadurch seine Stelle als Moschee-Vorstand, und beide entschließen sich, nach Oregon zu ziehen – in einen Staat, in dem die religiöse Toleranz gelebt wird und alternative Lebensformen akzeptiert sind.
Die vier großartigen Schauspieler geben diesem Stück, das anfänglich eher wie eine Boulevard-Komödie daherkommt, eine beeindruckende Tiefe. Das reduzierte Bühnenbild (Lisa Moro) und die stringente Inszenierung (Daniela Wahl) führt die Zuschauer zum Kern des Problems: in den Fokus rückt die Spannung zwischen religiösem Fundamentalismus und kritischem Denken, das tradierte Sichtweisen in Frage stellt. Die enge und einseitige Auslegung tradierter Texte zerstört die Familie und die Eltern-Kind-Beziehung – egal ob es dabei um Religion oder Ideologie geht. Das Nicht-Zulassen  von kritischen Fragen und offener Auseinandersetzung mit Texten, die Jahrhunderte oder auch zweitausend Jahre alt sind, sind das Übel, das zu Verlust, Zerstörung, Vertreibung (und im weitesten Sinn zur Tötung von Andersdenkenden) führt. Ein beeindruckender, aufwühlender Abend im Theater am Haidplatz!
Fotokredit: Martin Kaufhold