Das Normale ist das neueste Neu

on Sunday, 21 June 2020. Posted in Musik

Das Trio Elf läutet im Leeren Beutel den Konzertreigen wieder ein mit zwei konzertanten Doppelpaketen an zwei aufeinanderfolgenden Abenden

Das Normale ist das neueste Neu

Schreibt ein Rezensent über Jazz, dann betont er gern das Außergewöhnliche. Lobt den Regelverstoß, den die Combo da einen Abend lang vorführt, über den Schellenkönig. Und freut sich über den Eintritt des Unerwarteten in die Sphäre des von ennuyierendem Gleichklang geprägten Trott. Wenn aber nunmehr nach drei Monaten kulturellem Lockdown das Trio Elf im Leeren Beutel (nie war er zutreffender, der Name der Einrichtung, als im zurückliegenden Quartal!) ein den Hygieneregeln konformes Konzert gibt, dann aber, ja dann muss erst einmal die Rückkehr zur Normalität in den Fokus genommen werden!

Und ein Hohes Lied gesungen werden, auf das einst so alltägliche Liveerlebnis. Darauf, dass da echte Menschen agieren, im Hier, im Jetzt, leibhaftig auf der Bühne, die ohne doppelten Boden oder andere Netze performen. Ein Lobgesang muss angestimmt werden, auf die Unmittelbarkeit, die den Kontakt zwischen Künstler und Publikum so prägt, dass da eben weder ein Blatt Papier dazwischen passt noch ein anderes Medium nötig ist, das diesen Vermittlungsakt unterstützt. Und, womit wir also schon beim konkreten Punkt gelangt wären, das Trio Elf um Gerwin Eisenhauer und Walter Lang, ist deshalb ein solches Live-Ereignis, weil da drei souveräne Individuen aufs Allervortrefflichste agieren, indem sie sämtliche Grenzen zwischen Konzept und Improvisation einfach ignorieren.

Begeisterung und Inspiration
Und auf dieser Basis etwas errichten, was in seiner Abstraktion und neuromantischen Glasperlenhaftigkeit ungeheuer mitreißend ist und gerade deshalb einleuchtet, weil es stets neu ist und überraschend. Allein, wie Gerwin Eisenhauer, einst Dave-Weckl-Schüler, seine rhythmischen Schneisen schlägt! Wie er Timo-Werner-haft die Reihen abläuft, durch seine gebückte Körperhaltung und mimisch signalisiert, dass er sich von jedem, aber wirklich jedem seiner Töne begeistern und inspirieren lässt, um dann mit Hi-Hat und Becken nach Schnittstellen zu suchen, im festen, von Walter Lang am Piano und Sebastian Gieck am Bass Melodienharnisch.

Trio Elf-Stücke folgen oft einem Muster – nämlich einem dreistufigen Aufbauschema: Da ist die einleitende Such- und Erkundungsphase, die unversehens hinübergleitet, in einen sukzessiven Spannungsaufbau. Da schaltet sich auch der vierte Mann ein, der hinter dem Mischpult stehende Mario Sütel, indem er Samples, Loops und andere Digitaleffekte beimengt. Dabei werden die Nerven zum Zerreißen gespannt – und eine Schwüle beherrscht die Atmosphäre, wie kurz vor einem Gewitter. Schließlich, wenn schon gar niemand mehr dran glauben will, dann kommt es zum erlösenden Akt. Der Stau löst sich, die Wolken regnen ab, die heiße Lava ergießt sich.

Aktuelles und Klassiker
Eigentlich wollte das Trio Elf heuer ein neues Album präsentierten. Die Aufnahmen sind längst im Kasten, der Mix ist erfolgt. Aber eine solcher Akt ist ja niemals nur ein künstlerischer, sondern stellt auch immer ein kaufmännisches Wagnis dar. Deshalb haben sie sich drauf geeinigt, bis nächstes Jahr zu warten – und derweil einige der Stücke wie das brillante „Half Moon Bay“ derweil ins Liveprogramm zu integrieren, neben Klassikern wie „746“.

An zwei Abenden, am vergangenen Donnerstag und Freitag also, spielte das Trio Elf im Leeren Beutel jeweils zwei rund 70-minütige, kompakte Sets. Ich war Augen- und Ohrenzeuge des kompletten ersten Abends: Das Spannende war, dass es trotz programmatischer Überschneidungen zu keiner Sekunde langweilig wird. Das Trio stellt sein Material, die bekannten wie die neuen Nummern, stets so ins Schaufenster der Gegenwart und des Jetzt, dass sie immer blitzblank aussehen. Denn, was hieße das schon, alt und neu?
Bei einer Band, die sich stets um Überraschungen bemüht wie Forscher um wissenschaftliche Erfolge? Das Normale ist das neueste Neu!
Peter Geiger
Fotokredit: Jazzclub Regensburg/Gerhard W.H. Schmidt