Electrip

on Saturday, 30 November 2019. Posted in CD, Musik

Xhol Caravan

Electrip

Die letzte Vorstellung für 2019 in unserer Rubrik: "From the vaults" widmet sich dem Album „Electrip“ von Xhol Caravan. "From the vaults"bedeutet ja in der Übersetzung "aus der Gruft" und irgendwie passt diese Formulierung. Wir stellen hier einmal im Monat ein Album vor, das praktisch „aus der Gruft" kommt - keine aktuelle Scheibe, sondern ein Opus mit "Geschichte", das schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hat und nach unserer subjektiven Meinung jetzt nochmal gewürdigt werden soll! Für den Dezember stellt Nina Kulig ein Album von 1969 vor:
Der Reihe „From The Vaults“ widme ich diesem Monat ein Meisterwerk aus Wiesbaden, das vor 50 Jahren, also im Jahre 1969, aufgenommen und auf dem Hansa-Label veröffentlicht wurde. „Electrip“ von Xhol Caravan ist ein musikalischer Meilenstein des deutschen Krautrocks, das allein schon wegen seinem bunten, psychedelischen Cover gelobt werden muss. Wer dieses farbenfrohe Bild einmal gesehen hat, wird es nie mehr vergessen. Doch vor allem ihre freie und experimentelle Musik sowie die legendären und provokanten Auftritte machen Xhol Caravan zu einem Mythos. Bevor Xhol Caravan aus der Taufe gehoben wurden, waren Saxofonist Tim Belbe, Hansi Fischer (Saxofon, Flöte), Klaus Briest (Bass) und der amerikanische Schlagzeuger Skip van Wyck zusammen mit zwei Amerikanern als Soul Caravan unterwegs und gaben Soul und R&B-Klassiker zum Besten. Nach dem legendären Auftritt bei den Internationelen Essener Songtagen 1968, das erste und wichtigste Underground-Festival in Deutschland, wurde ihr Stil zunehmend radikaler. In dieser Phase wurde die LP „Get In High“ unter dem Namen „Soul Caravan“ aufgenommen. Als die Amerikaner schließlich in ihr Land zurückkehrten und der Organist Öcki von Brevern dazu kam, nannte man sich „Xhol Caravan“, um den Wendepunkt zu markieren. Die Musik wurde immer psychedelischer und experimenteller und die Musiker immer politischer und provokanter. Als Musikkommune waren Xhol Caravan bald in Wiesbaden als die Bürgerschrecks bekannt, die mit Happenings, ihrer bis dahin kaum gehörten Musik und ihrer alternativen Lebensweise die bürgerliche Moral stören wollten. Ihr Motto lautete: Provokation! In dieser Phase entstand dann auch 1969 „Electrip“, eben ein ausgeflippter Trip in psychedelische Sphären, in die bis dahin noch keiner so weit vorgedrungen ist. Die Musik ist kaum vergleichbar und schwer zu beschreiben, es gibt eine Klospülung zu hören, ein Plastikgesäuse und jede Menge elektronisch verstärkte Saxofone. Interessant ist, dass Xhol Caravan keinen Gitarristen hatten, was zu dieser Zeit mehr als unüblich war, ihrer Musik aber dadurch keinsefalls etwas fehlt. Auf der A-Seite gibt es drei Stücke, wobei man besonders gut Einflüsse aus Jazz, Soul und der psychedelischen Rockmusik heraushört. Der Sound ist wie gesagt einzigartig, experimentell und „free“. Die B-Seite besteht fast nur aus dem Stück „Raise Up High“, dem ultimativen Trip in kosmische Weiten schlechthin. Nach einem rockigen Thema mit ausgeflipptem Gesang folgt eine lange instrumentale Improvisation, die sich immer weiter aufbaut, aber nie stehen bleibt. Statt zum Thema zurückzukehren, wird die Musik immer neu erfunden. 1969 waren Xhol Caravan in ihrer kreativsten Schaffenszeit, bald nannten sie sich nur noch „Xhol“ und brachten noch die zwei ebenfalls empfehlenswerten Werke „Hau-RUK“ und „Motherfuckers GmbH & CoKg“ heraus. Doch „Electrip“ ist das wohl schillerndste und einflussreichste Album Xhol Caravans und gehört unbestritten zu den Klassikern des Krautrocks. 1972 löste sich die Gruppe endgültig auf und hinterließ einen Mythos, der bis heute andauert. NiKu