Ghost Town Radio

on Tuesday, 05 May 2020. Posted in Musik, Kultur

Der neue, unabhängige Regensburger Radiosender im www

Ghost Town Radio

1988 war Marc Lederway zum ersten Mal „on air“. Beim Universitätssender „WUSB 90.1 FM Stony Brook“ konnte sich der Psychologe seiner eigentlichen Leidenschaft widmen und jeden Freitag für volle drei Stunden in die Wunderwelt der Klassischen Musik abtauchen. Und das mit ordentlich Hörern am Start. Dass sein Sohn gute zehn Jahre später in seine Fußstapfen treten sollte, war keine große Überraschung: Adam Lederway hatte sowohl die Affinität zu Musik als auch die Leidenschaft fürs Radio von seinem Vater geerbt und stieg 1997 beim gleichen Sender mit ein. Seine Show trug den Titel „Duck Soup“ – nach einem Film der Marx Brothers – und zeichnete sich aus durch seinen Hang zum Obskuren und Einzigartigen. Denn so sehr sich Lederway auch von Van Halen und deren charismatisch-irren Frontmann David Lee Roth begeistert zeigte, so sehr schlug sein Herz doch schon immer für die etwas anderen Bands und Künstler abseits des Mainstreams. Er liebte Rush, Devo oder Primus, mochte es, in den Abgründen und von anderen als Mülldeponien verrufenen Musikgenres nach raren Perlen zu suchen.

Adam Lederway 1992

„Mir hat sich die Möglichkeit eröffnet, Radio zu machen, da musste ich natürlich zusagen. Der Sender hatte eine Sammlung von über 30.000 LPs und wir durften machen, was wir wollten. Es war ein Mekka, um Musik zu entdecken. Und ein kleines bisschen berühmt konnte ich auch sein, schließlich hatten wir eine Reichweite bis Long Island und Süd Connecticut mit bis zu drei Millionen potentiellen Hörern. Verdient hat man natürlich keinen Cent, aber man konnte – wie mein Vater – seiner Musikbesessenheit ein Ziel und einen Sinn geben“, so Lederway im Interview. Im Jahr 2003 schließlich verließ der Radioman seine Heimat und folgte seiner damaligen Freundin nach Regensburg. Die Beziehung löste sich viele Jahre später auf, seine Liebe zur Domperle hingegen hat bis heute Bestand, auch wenn Lederway zwischendurch ein Jahr mit Wien flirtete. Verziehen sei es ihm, schließlich dürften viele Regensburger bereits dem periodisch auftretenden Phänomen namens Altstadtfrust begegnet sein. Schon lange überlegt Lederway, einen echten Regensburger Radiosender nach Vorbild des Uni-Senders von damals zu etablieren: mit bunter Programmauswahl, verschiedensten Genres und Ansätzen, ohne Werbung und Profitdenken. Doch erst die Corona-Krise im Jahr 2020 hat ihn dazu bewegt, diesen Schritt zu gehen und GHOST TOWN RADIO zu gründen. Anfang April schwirrte die erste Sendung durch den virtuellen Äther und binnen weniger Wochen sind nun bereits viele Djs, Moderatoren und Kreative an Bord, die von der aktuellen Situation besonders betroffen sind, und die Zeiten von körperlicher Distanz mit ehrenamtlichem Einfallsreichtum und Vielfalt überbrücken wollen.

Adam Lederway - aktuell


Jeden Freitag und Samstag gibt es bisher die Reportagen und Shows von Kermit (Gründer Adam Lederway), DJ Bombsite Boy (bekannt als DJ aus dem Tiki Beat), Mike Kalodner (Regensburger Musiker), Kerstin Niebler (Indie- und Punk-Verfechterin), Shake, the Snake (Regensburger Djane und Musikjournalistin beim Classic Rock Magazine), Flo (Gründer des Hardline-Festivals), Steve (Veranstalter der Party-Reihe „Verschwende deine Jugend“) und Holger (DJ und ehemaliger Inhaber des legendären Plan9) zu hören, Tendenz der Moderatoren und Sendungen steigend. Der Bezug zur lokalen Subkultur, die persönlichen Geschichten aus und um Regensburg sowie die Unterstützung hiesiger Bands und Künstler machen dieses Projekt zu etwas ganz Besonderem, zu einer Idee, die auch nach der Krise Bestand haben wird. Und am Ende ist es doch immer schön, wenn sich ein Kreis schließt. Der Junge aus Stony Brook gründet Jahrzehnte später seinen eigenen Radiosender in Stadt am Hof, nahe der Steinernen Brücke. Fast schon wie aus dem Märchenbuch. Aber nur fast...

Mehr Infos unter https://ghost-town-radio.de

(Jacqueline Floßmann)
Fotokredit: Privat