Konzerte in Zeiten von Corona: Livebranche am Abgrund

on Friday, 17 April 2020. Posted in Musik

Für den Kulturbetrieb artet der Corona-Ausnahmezustand zunehmend in eine Katastrophe aus, denn Konzerte gelten als „verzichtbar“. Wir fragen bei zwei regionalen Veranstaltern nach in unserer Interviewreihe „5 Fragen an….“

Konzerte in Zeiten von Corona: Livebranche am Abgrund

Für den Kulturbetrieb artet der Corona-Ausnahmezustand zunehmend in eine Katastrophe aus, denn Konzerte gelten als „verzichtbar“.  Wir fragen bei zwei regionalen Veranstaltern nach in unserer Interviewreihe „5 Fragen an….“
„Verbot von Großveranstaltungen bis Ende August“ – das ist ein Ergebnis der Schaltkonferenz am 15. April der Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das trifft vor allem Konzerte und Festivals, die ja bereits seit Mitte März abgesagt sind. Konkrete Regelungen, etwa zur Größe der Veranstaltungen, sollen durch die Länder getroffen werden. Das trifft das Metal-Mekka in Wacken, auch „Rock im Park“ in Nürnberg, genauso wie bei uns das „Metal United Festival“ auf dem Airport-Gelände in Obertraubling oder das bereits vorher abgesagte Zelt-Festival in Lappersdorf. Damit fällt der Festival-Sommer für dieses Jahr aus. Das trifft Veranstalter und Fans ganz schön hart, auch bei uns in der Region. Wir fragten bei zwei Veranstaltern nach: Arthur Theisinger von Power Concerts und Alex Bolland von der Konzertagentur Bolland.

1)    Als ihr diese Nachricht erhalten habt, was war da der erste Gedanke?
Arthur Theisinger: SCH..... - nach dem Verlegewahnsinn vom 16.03.2020, wo wir über 80 geplante Veranstaltungen im März und April 2020 verlegt haben auf Herbst/Winter 2020 bzw Frühjahr 2021, folgt nun der zweite Teil der Verlegungen aller Sommershows auf 2021!
Alex Bolland: Ruhe bewahren und abwarten, was die Bayerische Landesregierung unter Großveranstaltung genau versteht. In Schleswig-Holstein sollen ja Konzerte bis 1000 Besucher wieder erlaubt sein. Ich befürchte nur, Bayern wird da vorsichtiger sein.
Falls sie sehr restriktiv sind, dann kann ich mich noch früh genug ärgern.

2)    Welche Möglichkeiten bestehen aus eurer Sicht, um noch einiges zu retten? Im Augenblick sind ja auch die Clubs noch geschlossen.
AT: Es müsste hier im kulturellen Bereich eigentlich noch mehr Soforthilfen zur Verfügung gestellt werden. Für die Clubs sollte es einen Rettungsfond geben, der die Mieten und Nebenkosten sowie das benötige Personal übernimmt, solange die Kulturbetriebe geschlossen sind, ähnlich wie städtische und staatliche Bühnen und Museen ja gefördert werden. Auch gibt es ja einen Rettungsfonds für Kinos, warum nicht für private Kulturbetriebe.
AB: Momentan kann man natürlich gar nix retten, weil gar nix stattfindet. Ich bin gottseidank kein „Groß-Veranstalter“, habe ganz selten Veranstaltungen mit über 1000 Besuchern. Mein Palazzo-Festival ist ja auch kein klassisches Festival, sondern eine Konzert-Reihe, wo eh nur ca. 400 Besucher am Abend da sind, und das auch noch im Freien. Also, da habe ich durchaus noch Hoffnung. Für mein bereits abgesagtes Zeltfestival im Mai versuche ich mit dem „Zelt-Ersatz-Festival“ im September im Aurelium den Schaden etwas zu minimieren und für die meisten anderen im Frühjahr abgesagten Veranstaltungen gibt es Ersatztermine…und ansonsten für meine wenigen großen Veranstaltung im Herbst auf keinen Fall mehr wie 1000 Karten verkaufen, ich denke, das wird auch im kommenden Herbst/Winter noch eine magische Marke sein….so ging es ja Anfang März auch an.

3)    Wie sind Veranstalter abgesichert? Welche Erwartungen habt ihr an staatliche Stellen um Hilfe und Unterstützung zu erhalten?
AT: Wir sind in diesem Fall so gut wie gar nicht versichert, unsere einzige Absicherung sind die privaten Mittel mit den wir nun versuchen um die Runden zu kommen. Bis dato gibt es nur die Soforthilfe die sich je nach Mitarbeiter zwischen 9.000,-- und 30.000,-- für drei Monate bewegt, was durch Mieten und Nebenkosten, Versicherungen, Leasingraten, Löhne, Lohnsteuer usw. nicht weit reicht.
AB: Für so eine absolut nicht vorhersehbare extreme Situation hat man sich als kleiner Veranstalter natürlich gar nicht abgesichert. Da muss jetzt das mühsam für eine passable Altersvorsorge Angesparte herhalten. Die staatliche Soforthilfe ist gottseidank relativ unbürokratisch und schnell geflossen, in meinem Fall die möglichen 9.000 Euro. Damit komme ich zumindest mal so bis Mai/Juni einigermaßen über die Runden. Und dann…..ja, dann wird’s natürlich eng. Wenn´s wirklich bis in den Herbst hineinreicht, wäre natürlich eine Aufstockung dringend gefordert. Aber nicht nur für die Kultur-Branche, auch für die Veranstaltungs-Technik, Gastronomie, Hotellerie, Sport, Tourismus-Branche…da gibt’s so viel, die am Ende der „Wirtschafts-Lockerungs-Kette“ stehen, weil sie vermeintlich nicht so systemrelevant sind.

4)    Wie können Fans die Veranstalter unterstützen?
AT: Indem sie die Karten nicht zurückgeben sondern versuchen den Ausweichtermin
wahrzunehmen. Desweiteren wurden für manche Clubs Hilfsfond eingerichtet, hier könnte man vielleicht einen Teil davon spenden, was man sich gespart hat, da keine Veranstaltungen stattgefunden haben.
AB: Ganz einfach, in dem sie zum einen, sollten sie schon Karten gekauft haben, die auch für einen eventuellen Ersatztermin behalten….und wenn sie einem ganz gut gesonnen sind, quasi als kleines privates „Kultursponsoring“ auch Karten für Veranstaltungen, die ersatzlos abgesagt wurden, nicht zurückgeben. Und zum anderen natürlich, dass sie ab Herbst in Scharen (die auch erlaubt sind ;-) zu allen möglichen Veranstaltungen kommen…statt großem Urlaub viele Konzertbesuche, das wäre doch mal eine gesellschaftlich hochwertige, sinnvolle Freizeitgestaltung (auch wenn die Tourismus- und Gastronomie-Branche das sicher auch gerne anders interpretieren würde)

5)    „The show must go on“ - wie seht ihr die Zukunft für Konzertveranstaltungen? Manche Experten glauben ja, dass erst nächstes Jahr wieder Normalität einkehrt. Laut US-Gesundheitsexperte Zeke Emanuel soll sich das nicht vor Herbst 2021 ändern.
AT: Die Hoffnung stirbt zum Schluss!! Auf US-Experten setze ich gerade nicht viel, siehe momentan „America at First“, was der Corona-Experte Trump angerichtet hat. Ich hoffe im Laufe des letzten Vierteljahres 2020, dass langsam wieder Clubs für Konzerte geöffnet werden können, um die kleineren/mittleren Shows zu machen und ab 2021 dann wieder langsam größere Shows stattfinden können.
Ansonsten bleibts alle gsund, ich hoffe euch bald wieder bei einem unserer Konzerte zu sehen, vielleicht sogar ein Bier zu trinken und der Rock´n´Roll muss weitergehen!!
AB:  Ja, da wenn man eine Glaskugel hätte….ich befürchte auch, dass wirkliche Großveranstaltungen mit sehr vielen Besuchern auf relativ engem Raum noch ziemlich lange von Einschränkungen und Verboten betroffen sind. Allerdings, denke ich, müssen sie auch irgendwann bei großen Sportveranstaltungen wieder Besucher zulassen…und dann wird die Konzert-Branche da sicher auch mitgezogen….die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wir danken beiden Veranstaltern für die schnellen und fundierten Antworten und können nur hoffen, dass Konzerte, egal ob groß oder klein, bald wieder stattfinden können. Denn Konzerte jeglicher Art sind durchaus unverzichtbarer Gesellschaftskitt, denn vielen Menschen bieten sie eine Zerstreuung und Ablenkung. Und ähnlich wie Fußballspiele und andere Sportveranstaltungen funktionieren auch sie ohne Zuschauer, also ohne das Gemeinschaftserlebnis, nicht nur schlecht, sondern auf Dauer gar nicht.