Let it be

on Thursday, 01 October 2020. Posted in CD, Musik

The Beatles

Let it be

Seit Juli 2019 gibt es bei den Alben-Besprechungen eine spezielle Rubrik: "From the vaults" - in der Übersetzung bedeutet das ja „aus dem Tresor“ und irgendwie passt das. Wir stellen hier einmal im Monat ein Album vor, das praktisch "wieder ans Tageslicht" gebracht wird! Keine aktuelle Scheibe, sondern ein Opus mit "Geschichte", das schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hat und nach unseren subjektiven Meinung jetzt nochmal gewürdigt werden soll! Diesen Monat sind die Beatles dran mit „Let it be“. Das war das letzte Beatles-Album, das im Mai 1970 veröffentlicht wurde, aber größtenteils bereits vor dem vorletzten Album „Abbey Road“ eingespielt wurde. Das Album kann 2020 also seinen 50. Geburtstag feiern, und die „Laudatio“ hält Beatles-Fan Daniel Noyman, die eine musikalische Hälfte von Village Green Society und außerdem ist er einer der Moderatoren bei Ghost Town Radio, und dort jeden Dienstag mit seiner „Local Scene‘“ zu hören.

Mary McCartney: “Come on Paul, just let it be.”

Wenn man in Liverpool das Elternhaus von Paul McCartney in der Forthlin Road 20 im Rahmen einer Tour vom ‚National Trust‘ betritt, wird den Besuchern eine Begrüßung von Paul persönlich vorgespielt. Man befindet sich dann bereits im Wohnzimmer des relativ bescheidenen Häuschens. Dort haben John Lennon, der ca. 15 Minuten zu Fuß in die Forthlin Road brauchte und Paul „She loves you“, einen ihrer ersten Hits Pauls Vater vorgespielt. Der meinte nur, dass es eine zwar eine schöne Melodie wäre, aber dass sie doch das “She loves you, yeah,yeah,yeah”, das ihm zu amerikanisch war, durch “She loves you, yes,yes,yes” ersetzen sollten. Wahrscheinlich war es von Vorteil, dass sie diesen Ratschlag nicht angenommen haben. Im Esszimmer hängen viele rare Schnappschüsse von Pauls Bruder Michael, einem professionellen Fotografen, unter anderem auch das Cover-Foto vom Macca-Album ‚Chaos and Creation in the Backyard‘, das ihn in sehr jungen Jahren im Garten seines Elternhauses zeigt. Außerdem sieht man eine Aufnahme von Paul als Kind wie er im Schoß seiner Mutter Mary McCartney liegt. Dazu erzählte uns der Guide, dass Paul manchmal als Kind zornig werden konnte und wenn er sich zu stark in etwas hineinsteigerte, seine Mutter ihn oft mit den Worten “Come on Paul, just let it be.” beruhigt hat. Als McCartney Jahre später den Song Let it be mit John Lennon schrieb, kam ihm dieser Ausdruck seiner Mutter wieder in den Sinn, da sie ihm kurz zuvor im Traum erschienen war und auch da wieder diese Worte benutzte:

When I find myself in times of trouble
Mother Mary comes to me
Speaking words of wisdom
Let it be.

In dieser Zeit befand sich Paul und auch John, George und Ringo in einer sehr stressigen Phase ihrer Beatles-Zeit. Seit 1966 hatten sie kein einziges Konzert mehr gespielt, waren aber ständig zusammen auf engstem Raum im Studio. Die vielen Streitereien bei der Aufnahme ihres letzten Albums, das wie der Song ebenfalls den Titel „Let it be“ trägt, kündigten schon die Auflösung der Fab Four an. Aber war es überhaupt das letzte Album? Ja und nein. „Let it be“ war das letzte Beatles-Album, das im Mai 1970 veröffentlicht wurde, es wurde aber größtenteils vor dem vorletzten Album „Abbey Road“ aufgenommen. Das „Abbey Road“-Album hätte übrigens beinahe ‚Everest‘ geheißen. John Lennon, der damals schon umweltbewusst oder einfach zu bequem war, nur wegen des Cover-Bilds extra zum Mount Everest zu fliegen (was wohl tatsächlich angedacht war), machte den Vorschlag einfach über den Zebrastreifen bei den Abbey Road Studios zu latschen und das Album auch gleich so zu nennen. The rest is history.
„Let it be“, zu dem auch ein Film produziert wurde, der 2020 unter der Regie von Peter Jackson (Herr der Ringe) neuaufgelegt wurde, war von Querelen, vor allem zwischen Lennon und Harrison überschattet. Letzterer verließ in dieser Zeit sogar kurzzeitig die Band und konnte nur unter großer Anstrengung der übrigen Beatles wieder zurückgeholt werden. Legendär ist in diesem Zusammenhang jedoch noch der allerletzte öffentliche Live-Auftritt der vier Liverpooler in der 3 Savile Row in London, wo sich damals ihr eigenes Label Apple Records befand (heute ist übrigens der “Abercrombie Kids” Shop von Abercrombie & Fitch drin) und wo sie am 30. Januar 1969 ihr Rooftop Concert spielten. Aber auch diese letzte Live-Performance spricht Bände: „Get Back“, das letzte Lied auf der Platte wurde dreimal gespielt, andere Songs zweimal, da sie wahrscheinlich nicht mehr Lieder proben wollten. Nichtsdestotrotz ist „Let it be“ wie alle Beatles Alben ein schillernder Diamant in der Musikgeschichte. Die Beatles spielten bis zuletzt in ihrer eigenen Liga und sie werden immer unerreicht bleiben.
Einige Lieder habe ich ausgewählt, die mir besonders gut auf „Let it be“ gefallen: neben dem Welthit „Let it be“ sticht „Across the Universe“ heraus, gefolgt von „I Me Mine“, das aus der Feder von George Harrison stammt. Während das rock'n'rollige „Get Back“ keiner meiner Favoriten ist, sind „The Long and Winding Road“ und „One After 909“ für mich weitere Geniestreiche des wohl berühmtesten Songwriter-Duos, das jemals existierte – Lennon/McCartney. Ein interessanter Track ist auch „Maggie Mae“, ein traditionelles Lied, das wohl einer der ersten Songs war den John Lennon auf dem Banjo seiner Mutter Julia spielen konnte. Wer sich für das Leben von John Lennon und für das von Paul McCartney und George Harrison, die sich im Übrigen als erste begegneten, interessiert, dem kann ich den Film Nowhere Boy nur wärmstens empfehlen. Es ist zwar nicht jedes Detail realitätsgetreu, wie in vielen anderen verfilmten Musiker-Biographien, aber er wurde an Originalschauplätzen gedreht, zum Beispiel im Geburtshaus von John Lennon im Liverpooler Stadtteil Woolton, das auch in Verbindung mit einer National Heritage Tour besichtigt werden kann.
Und wer jetzt im Herbst, wenns draußen ungemütlich wird, noch eine weitere Anregung braucht, der kann gern mal in die Sendung ‚The Local Scene‘ über Musiker und Bands aus Regensburg hineinhören (Dienstags immer von 20 – 21 Uhr auf www.ghost-town-radio.de). Da gibts ab jetzt auch immer ein Beatles-Rätsel.
Daniel Noyman (Village Green Society)

https://www.youtube.com/watch?v=90M60PzmxEE&feature=youtu.be&fbclid=IwAR3t_-HhDl0bGL_tqkt5g_sOA4b5jtruvnioZ6w70khu8v29aL6Wp96mYrs