Live at Anti WAA Festival 1989

on Wednesday, 01 January 2020. Posted in CD, Musik

Blue Cheer

Live at Anti WAA Festival 1989

Seit einigen Monaten haben wir bei den Alben-Besprechungen eine neue Rubrik: "From the vaults" - in der Übersetzung bedeutet das ja "aus der Gruft" und irgendwie passt das. Wir stellen hier einmal im Monat ein Album vor, das praktisch "aus der Gruft" kommt, keine aktuelle Scheibe, sondern ein Opus mit "Geschichte", das schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hat und nach unseren subjektiven Meinung jetzt nochmal gewürdigt werden soll! Den Anfang für 2020 machen "Blue Cheer" mit ihrem Livealbum „Live at the Anti WAA Festival 1989“, das zwar schon vor 30 Jahren eingespielt wurde, aber erst im Dezember 2014 auf Nibelung Records veröffentlicht wurde! Ist auf jeden Fall eine tolle Scheibe ist! Und eine schöne Erinnerung an Dickie Peterson und Paul Whaley, die etliche Jahre auch in Regensburg lebten und beide bereits verstorben sind.
Es war einmal, vor langer Zeit, da war in Burglengenfeld in der bayerischen Oberpfalz auf dem Lanzenanger Gelände, direkt neben der eindrucksvollen Naab, der Standort für ein tolles Festival. Vor 30 Jahren war dieses Gelände die Location für das bis dahin wohl spektakulärste Musikfestival seiner Zeit in der Republik – dem Festival gegen die WAA, die Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll im nahen Wackersdorf. Das erste Anti-WAAhnsinns-Festival fand bereits 1982 hier statt. Im Jahre 1986 markierte das fünfte dieser Festivals (auch "deutsches Woodstock" genannt) den Höhepunkt der Bürgerproteste gegen die WAA: Mit über 100.000 Besuchern am 26. und 27. Juli 1986 erlebte Burglengenfeld das bis dahin größte Rockkonzert der deutschen Geschichte, auf dem die Elite der damaligen Musikbranche – von BAP, Die Toten Hosen, Udo Lindenberg, über die Rodgau Monotones bis zu Rio Reiser und Herbert Grönemeyer – vertreten war. Die Anti-Atom-Bewegung erfuhr hierdurch eine bis dahin ungeahnte Medienresonanz. Nachdem die Menschen in der Oberpfalz jahrelang aufgestanden waren, gegen die Macht der übermächtigen Energie-Konzerne, gegen den Bau einer nuklearen Wiederaufbereitungsanlage, kam drei Jahre später, im Mai 1989, der Sieg: Der Bau der Anlage wurde eingestellt. Und die Menschen feierten eine große Party, das letzte ANTI WAA-Festival, am 15. und 16. Juli 1989! Dieses 7. Anti-WAAhnsinns-Festival blieb nach dem Ende der WAA in Wackersdorf im Jahr 1989 ein einmaliges Ereignis, was die Qualität der auftretenden Musiker betrifft. Jetzt gibt es seit 2014 – 25 Jahre nach diesem Event – ein eindrucksvolles Live-Dokument zum Auftritt von Blue Cheer bei diesem Festival. Blue Cheer waren lt. Dickie Peterson, dem Bandboss, nie eine politische Band, doch hier wollten sie dabei sein. Sie spielten harte Musik, hart und wild, wie man sie vorher nie gehört hatte und kreierten einen neuen Musikstil, dokumentiert durch ihren Hit von 1968, der genialen Bearbeitung von Eddie Cochrans „Summertime Blues“. Damit gehörten sie zu den Wegbereitern des Heavy Rock oder Metal, noch vor MC5, Stooges, Amboy Dukes, Grandfunk Railroad und „lange“ vor z. B. Black Sabbath oder Deep Purple. 20 Jahre war die Band nicht mehr in Europa gewesen (seit ihrem legendären Beat Club-Auftritt von 1968), als sie 1988 zu einer Tournee zurückkamen. Eigentlich sollten die beiden Urmitglieder Dickie Peterson (Vocals, Bass) und Paul Whaley (Drums) mit dem neuen Gitarristen, Andrew „Duck“ MacDonald auf Tournee kommen. Leider konnte Whaley, aufgrund substanzieller Probleme, kein Visum erhalten; daher spielte auf der 88er Tournee der Session-Drummer Dave Salce (zu hören auf der legendären „Blitzkrieg over Nüremberg“ Platte auf Nibelung Records). Im Winter 1989 sollte eine neue Europatournee folgen, danach die Aufnahmen zum einer neuen Studioplatte, „Highlights & Lowlives“ (1990, Nibelung Records) beginnen. Blue Cheer‘s Plattenlabel und Management, zu dieser Zeit, war in Regensburg ansässig und Roland Hoffmann wurde gefragt, ob nicht vielleicht Künstler seiner Firma zur eindrucksvollen Liste des Festivals beitragen könnten. Plus-Konzert-Service konnte. Zunächst Blue Cheer, dann noch Tony McPhee mit seiner Band Groundhogs. Blue Cheer kamen also bereits einige Monate früher als geplant, um als krönender Abschluss dieses wichtigen Politfestivals zu agieren: die letzte Band des letzten Festivals! Und diesmal brachten sie, nach 21 Jahren, zum ersten Mal wieder Paul Whaley am Schlagzeug mit. Nach einem furiosen Auftritt von „Ten Years After“ um Gitarrenlegende Alvin Lee trat das Trio gegen Mitternacht ein schweres Erbe an … und meisterte es bravourös. Zunächst noch etwas verhalten, stürmten sie dann von Stück zu Stück – heavy und basslastig, bis zum Finale furioso, dem „Summertime Blues“, der die Leute vor der Bühne schier ausrasten ließ. McPhee wurde gebeten zu einer kleinen Jamsession miteinzusteigen: „Hoochie Coochie Man“ war das letzte Stück des Sets vor der Zugabe „Summertime Blues“. Am frühen Morgen des 17. Juli um 1.30 Uhr war dann das Festival zu Ende. Doch für Blue Cheer markierte dieser phänomenale Auftritt den Beginn ihrer zweiten großen Blütezeit in Europa. Die Band verbrachte die folgenden drei Monate, unterbrochen von einigen weiteren europäischen Festivalauftritten, in Regensburg und arbeitete mit Grunge-Erfinder und Produzentenlegende Jack Endino (u.a. Nirvana, Soundgarden, Temple of the Dogs, Alice in Chains, Mudhoney) an der Vorproduktion ihres sensationellen Studioalbums „Highlights & Lowlives“ (1990, Nibelung Records). Und dieses, man könnte schon fast schreiben, historische Konzert, gibt es seit 2014 endlich im HiFi-Sound und voller Länge – genau 73 Minuten - als CD im Digipack, streng limitiert in der Erstauflage auf weltweit jeweils 2000 Stück. Eigentlich sollte das alles bereits vor Jahren veröffentlicht werden, was sich allerdings aus verschiedensten Gründen immer wieder verzögerte. Doch im Dezember 2014 stand der Veröffentlichung nichts mehr im Wege, fünf Jahre nach dem Tod von Dickie Peterson 2009, der das endgültige Ende dieser Band bedeutete. Das Livealbum ist als CD in einem attraktiven Pappklapp-Cover im LP-Stil erschienen. Also keine billige Aufmachung, sondern liebevoll gestaltet, wie man sich das als Sammler und Fan wünscht. Der Sound ist gut restauriert, Eroc Ehrig hat beim Mastering gute Arbeit geleistet. Ein würdiger Abschluss für diese Band, der nie der große – und verdiente – kommerzielle Erfolg gelang! (no.men)

Die CD ist ausschließlich in einigen ausgewählten Läden des Fachhandels und in Online-Shops erhältlich, sowie über den Shop der Homepage von www.nibelung-records.com

Setlist:
-Intro Announcement
-Babylon
-Girl Next Door
-Parchman Farm
-Ride With Me
-Second Time Around
-Duck Thing
-Out Of Focus
-Heart Of The City
-Red House
-Voodoo Chile Intro
-Hoochie Coochie Man (feat Tony McPhee on guitar)
-Summertime Blues

Dickie Peterson – bass/vocals
Paul Whaley – drums
Andrew “Duck” MacDonald – guitar
Guest: Tony McPhee – guitar (Hoochie Coochie Man)