„Shortplayer“ statt „Longplayer“

on Wednesday, 14 August 2019. Posted in Musik

Heinz Lehmann stellt sieben neue Singles und EPs von Musikern aus der Region vor

„Shortplayer“ statt „Longplayer“

Ein neuer Veröffentlichungs-Trend geht dank Spotify, Deezer, Tidal und Konsorten und vielleicht auch der internetgeschuldeten, zunehmend kürzeren Aufmerksamkeitsdauer des vermeintlichen Konsumenten immer mehr weg vom klassischen Album hin zu Single- oder EP-Produktionen oder der Veröffentlichung einzelner Songs in bestimmten Abständen anstatt der Produktion einen „Longplayers“. Gut oder schlecht, es sei dahingestellt. Ist sicher auch Geschmackssache, wobei ich mich ehrlich gesagt nicht so ganz damit anfreunden will, weil die hohe Kunst eines stattlichen Gesamtkunstwerkes damit auch irgendwie flöten geht. Aber auch das mag Gewohnheitssache sein und auch eine Single kann so ein Gesamtkunstwerk sein. Halt ein kurzes. Und ich werde wohl auch alt mittlerweile vermutlich…


Black Tape Lion
“Glow”

Nachdem Niedergang seiner vielgelobten Vorgänger-Band Cleo gründete Sänger, Mastermind und Studio-Tüftler Tom Schmidbauer mit drei tatkräftigen Musiker-Kollegen 2017 die Band Black Tape Lion, die sich zwischen Rock, New Metal und Pop ein beachtliches Nischlein fern von Oma´s Nähschrank geschaffen hat. Mit dem ersten Release „Run“ folgten neben überschwänglichen Rezensionen zahlreiche Support-Slot für zahlreiche nationale und internationale Top Acts und die Förderung von BYON, dem Projekt des Verbands für Popkultur in Bayern e.V.. Seitdem ist viel Wasser die Donau hinunter gefloßen und die Jungs haben technisch wie musikalisch einen gewaltigen Step nach vorne gemacht. Eindrucksvoll lässt sich die anhand der neuen Single „Glow“ nachvollziehen. So ausgefeilt, wuchtig und filigran, so druckvoll und zeitgleich klanglich klar: Selten hat eine Produktion internationale Standards so beiläufig zerrissen wie diese Produktion aus Sinzing. Und auch das Songmaterial ist der klanglichen Qualität angemessen, hymnisch aber nicht überladen, zweitweise eingängig zweitweise brutal ausgecheckt und ein bisschen frickelig, aber nicht nervtötend. Hach, es gäb so viele Superlativen um dieses Glanzstück zu umschreiben. In diesem Fall kann ich nur empfehlen, sich selbst ein Bild zu machen. Und ja, die Referenz, die sich einem sofort dank des auf dem Song ebenfalls vertrenem 100-köpfigen Uni-Chor, den Jazznuts ans Ohr heften könnte, ich lass sie weg, denn die Jungs sind zu gut für so einen Vergleich! Viel zu gut!

Brew Berrymore
„Pomp On Pipes“

Ein soundtechnisch ebenfalls megahochwertiges Schmankerl haben die Regensburger Zotteltiere von Brew Berrymore abgeliefert. Oder halt, die hatten ein Faible für Zotteltiere! Waren nämlich Alpacas nicht nur Thema der ersten beiden Longplayer, teilen sich beide, Band und Tier nämlich einige Eigenheiten. Zum einen schauen beide auf den ersten Blick niedlich und ja unglaublich freundlich aus. Man sollte sich dennoch in Acht nehmen, denn die können spucken und zwar sehr, sehr treffsicher. Und ist es kein Wunder, dass sich auch die neue Single der Regensburger zwar nett anhört und gleich ins Ohr geht, textlich aber wieder mal vor beissender und dabei gelungener Gesellschaftskritik strotzt. Zum anderen könnte man dazu neigen beide, Tier und Band, nicht allzu ernst nehmen, weil sie das vermutlich selbst auch nicht tun und dank Pelz bzw. Outfit zu mutmassen, ein bisschen ulkig ausschauen. Auch ein Fehler, denn beide können kräftig zupacken bzw. beissen und das hinterlässt sicher Spuren. Die neue Single ist soundtechnisch dank gelungenem Synthieeinsatz mächtig und sehr, sehr tanzbar. Trotzdem handelt es sich um Gitarren-Musik im weitesten Sinne und lässt hie und da aktuell eher Vorbilder aus dem Indie-Bereich durchblitzen. Brew Berrymore sind aber entsprechend ihrer geliebten Alpacas eigen genug, um diese genüsslich zu einem durch und durch gelungenen Speichelbrei zu zermanschen und diesem dem Hörer mit diebischer Freude ins Gesicht zu klatschen! Großartig!

Blind He-Man O´Hara
„Keyhole Moon“

Ein Jahr hat diese Single schon auf dem Buckel und ist mit zehn(!) Aufrufen der B-Seite auf Youtube mehr als krachend untergegangen. Das ist eine Schande! Denn dieses Inkognito-Seiten-Projekt eines recht bekannten Regensburger Musikers, der sonst deutlich scheppriger zu Werke geht, ist einfach so gut, es ist schwer in Worte zu fassen: auch die leisen Töne stehen dem Gitarren-Wizard mehr als gut und die Songs sind von Melodie und Arrangement so perfekt, dass es einem die Tränen in die Augen treibt! So verwebt der blinde Superheld auf diesen zwei Song-Juwelen feinsten Folk-Rock mit einem Schüsschen Weirdness, sozusagen Freak-Folk in angenehm. Lässing (ups… ein Schreibfehler?), filigran und einfach viel zu wunderschön, um einfach überhört zu werden. Bitte, bitte, bitte: Unbedingt anhören!

Dick Mac
„Leben am Tresen“

Der schönste Platz ist immer noch am Tresen? Nicht immer. Verloren in den Wirren der Selbstfindung, verstrahlt vom letzten Gin-Rausches, gestraft von der mal wiederkehrenden, unvermeidlichen Schreibblockade, immer straight auf dem Grad zwischen Selbstüberschätzung und Unsicherheit wandernd, präsentiert sich der schon seit einiger Zeit sehr aktive HipHop-Künstler mit dem – und das darf man schon mal so festhalten- völlig beknackten Pseudonym Dick Mac auf seiner neuen EP. Bloß nicht täuschen lassen vom Namen! Denn was Linus mit dem prominenten Nachnamen da auf einer Länge von fünf Songs so verzapft ist höchst erfrischend, weil eben schön unverfälscht und yes, eben authentisch. Zugegeben die mit Grime und UK-Afroswing angereicherten Beats können auf Dauer noch ein bisschen mehr Abwechslung vertragen und die selbstironischen aber immer herrlich ehrlichen Texte über Vergangenheit, Zukunftsängste und Alkoholexzesse hie und da noch ein bisschen unrund, aber goddamn: Da brennt einer für das, was er macht und er scheut sich nicht hie und da die Blöße zu geben, weil er vielleicht nicht der technisch anspruchsvollste oder tiefgängigste Rapper des Jahrhunderts, sondern ein grandioser Geschichtenerzähler ohne Rücksicht auch nicht auf die eigene Person sein will. Linus ist jung und liefert gerade dank einer ordentlichen Portion „Ginspiration“ trotzdem megasouverän ab. Cool, beeindruckend, großartig!

Turnup The Trapper
“Midleifcrisis EP”

Turnup The Trapper? Schonmal gehört? Nicht? Dann wird’s Zeit! Im Gegensatz zu anderen Trap-Künstlern kommt „Triple T“ nämlich erfrischenderweise ohne drogenverherrlichende Texte aus und beschäftigt sich neben der hiphopkonformen Selbstdarstellung – wie nicht nur im amerikanischen Trap üblich - mit der ungeschönten Schilderung sexuell motivierter zwischenmenschlicher Interaktionen in dieser neuen schnelllebigen, exzessiven, durch unverbindliche Beziehungsformen geprägten Zeit. Seine Musik versteht sich als Soundtrack für das Leben abenteuerlustiger, selbsterklärter Predatoren weiblicher wie männlicher Art. Die Musik, die Du pumpst, wenn Du kurz upturnen willst bevor Du Dein Tinderdate abholst. Musikalisch lehnt er sich bewusst weit aus dem Fenster, überschreitet bewusst die Grenzen dessen, was für ihn gesangstechnisch möglich ist, was aber dank gekonntem Autotune-Einsatz weder auffällt noch nervt. Aufgenommen und gemixt hat der Rapper Album im Alleingang und Kontrabendz und Platinum Sellers lediglich fürs Beat-Programmieren hinzugezogen. Während dieses wirklich feine Album ohne große Promo und ohne großen Medien-Hype erscheint, bastelt der Geheimniskrämer schon heimlich still und leise an der nächsten Veröffentlichung, die in ein paar Wochen erscheinen wird. Ob es sich bei Triple T nun wirklich um einen gesichtslosen Avatar, eine aufgeblasene Kunstfigur unbekannter Identität oder einen saunetten Typen mit ausgiebiger musikalischer Erfahrung und Hang zur Tiefstapelei handelt, das kann jeden Dienstag in der Alten Filmbühne beim wöchentlichen gemeinsamen Turnup mit Eastside Valentin überprüft werden! Stay tuned!

RAWBIN
„Damnaged“

Gar nicht gestört, sondern ziemlich selbstbewusst tritt der Regensburger Trap-Künstler RAWBIN auf der Fortsetzung seiner erst 2018 veröffentlichten DAMNAGED-EP auf. Nachdem er in der Zwischenzeit die eher ruhigere und introspektivere „Thera-π“-EP herausgebracht hatte, wollte er, seinem Namen entsprechend, auf dem neuesten Output wieder seine roughe Seite herauskehren. Über die geschmeidigen Instrumentals der sieben Tracks, die jeweils von einem anderen Beat-Produzenten stammen, flowt der Rapper mit der tiefen Stimme entspannt und wortgewandt. Smarter Strassenrap ohne großen Tiefgang, klassische Battle-Reime ohne Rücksicht auf Verluste und grenzenlose Selbstverherrlichung, trockene Trapbeats mit reichlich Autotune, DAMNAGED erfüllt alle Anforderung an ein zeitgemäßes Trap-Album. Ich fand ihn zuletzt auf „Thera-π“ besser, weil eben nicht so klassisch, ein bisschen weniger street und nicht gar so platt. Aber das ist eben Geschmackssache und vielleicht bin ich da ein wenig gestört. Für den Gangsta-Rap-Puristen ist das sicher wunderbar!

Containerhead
„ch.4“

Fast schon fröhlich beginnt der neueste, ganz überraschend einfach rausgehauene Spitzenstreich des Regensburger Instrumental-Kollektivs mit dem unglaublichen Titel „Licht aus. Auf die Schuhe gepisst. Scheiße“. Das schon fast als Markenzeichen zu wertende Vibraphon kommt dabei zu gewohntem dezenten, aber hier schon sommerlich beschwingten Einsatz. Ebenso flott, aber schon düsterer fährt der Kastenkopf mit „Harry Kane“ fort, um Indie-Trantüten zu zeigen, wie man Shoegaze spielt und dabei ordentlich die Gitarren aufbrät. Mit dem dritten Track „Herion“ versinkt das Septett auf dem Longplayer dann erstmal knietief ein knietief im Drone-Morast und suhlt sich fast sieben Minuten im taubtrüben Ginst am Musenhain… oder wars trübtauber Hain am Musenginst. Und vor allem hier verdeutlicht sich wieder einmal beeindruckend wie deep und spannend Instrumental-Musik mit einfachen Mitteln erzeugt sein kann: Die Band spielt nicht erst seit gestern zusammen und weiß eben, um ihre Stärke, sich kollektiv auf Spannungsbögen einzulassen, sich in ruhigen Parts zurückzunehmen, Flächen schweben zu lassen, um dann im entscheidenden Moment gemeinsam brutalst loszuschlagen, um die Komposition zum gemeinsamen Klimax zu reiten. „Keine Coke Für Niemand“ rundet zum Schluß alles perfekt ab, gibt die Essenz des Überraschungswerkes quasi noch mal wieder! Zuviel reininterpretiert? Mag sein. Am Ende ist es nur gute Musik und nur ein verflixtes viertes Album, eigentlich eine EP. Aber es ist ein verflixt gutes. Ein verflixt gutes von Containerhead. Und das heißt schon was!

Heinz Lehmann H1