Spielzeit 2018/19 am Theater Regensburg

on Wednesday, 25 April 2018. Posted in Musik, Kultur

„Kontraste“ steht als Motto über der kommenden Theatersaison 2018/19 in Regensburg, deren Programm Intendant Jens Neundorff von Enzberg und seine Spartenleiter Klaus Kusenberg (Schauspieldirektor ab 2018/19), Yuki Mori (Künstler. Leiter und Che-choreograp

Spielzeit 2018/19 am Theater Regensburg

„Kontraste“ steht als Motto über der kommenden Theatersaison 2018/19 in Regensburg, deren Programm Intendant Jens Neundorff von Enzberg und seine Spartenleiter
Klaus Kusenberg (Schauspieldirektor ab 2018/19), Yuki Mori (Künstler. Leiter und Che-choreograph von Theater Regensburg Tanz) und Claudia Erl (stellvertr. Leitung Junges
Theater) am 20. April auf der Dachterrasse des Theaters Regensburg vorstellten.
Durch Kontraste werden Dinge sichtbar: Schönheit empfindet man letztlich nur dann als schön, wenn man auch den Gegensatz wahrnimmt. Kontraste schärfen den Blick, machen Widersprüche und Ressentiments offensichtlich, trainieren unsere Intuition und lassen uns unsere Haltung überprüfen. Kontraste fordern uns und schützen vor Beliebigkeit. Im Kontrast steckt ein dialogisches Prinzip. Hier ist das Theater – so alt wie die Demokratie – in seinem Element: Es kann die Widersprüche unseres Zusammenlebens auf der Bühne spielerisch und gefahrlos erlebbar machen. Dabei steht die Intention der Theaterschaffenden immer in einer Grundspannung zur Wahrnehmung des Publikums. In der Vermittlung liegt unsere Verantwortung. Kontraste können uns Dinge vor Augen führen, die uns ängstigen, sie können uns aber auch zum Perspektivwechsel herausfordern und uns inspirieren. Sich die Fähigkeit zum Dialog zu bewahren, das Argument zu suchen, einen deeskalierenden Kommunikationsstil zu kultivieren, das ist die Herausforderung, die im Raum steht – in einer Zeit, in der das Schimpfen, das schrille Sich-zu-Wort-Melden und Pöbeln immer mehr um sich greift, ob zwischen Nachbarn, in den Kommentarspalten des Internets oder in der großen Politik. Kontraste liefern die Koordinaten, in denen sich unser Denken, Handeln und Fühlen in Bewegung setzt und wir uns neu justieren können. Lustvoll, weltoffen und neugierig erprobt das Theater die mannigfaltigen Alternativen.
Geboten wird ein abwechslungsreicher Spielplan mit 29 Premieren – darunter neun Uraufführungen, drei deutschsprachige Erstaufführungen und eine deutsche Erstaufführung! Das Spielzeitheft mitdetaillierten Informationen zu Spielplan, Ensemble und Service erscheint Mitte Mai2018. Hier eine knappe Übersicht zu den Premieren:

Das SCHAUSPIEL unter der Direktion von Klaus Kusenberg verstärkt künftig seine internationale Ausrichtung und setzt sehr stark auf junge Regietalente und zeitgenössische Dramatik. Drei neue Stücke aus Kanada, Schottland und England werden im Theater am Haidplatz zur deutschsprachigen Erstaufführung kommen und brandaktuelle Themen ansprechen. »Locker Room Talk« ist im Rahmen der Pussy Power-Proteste in den USA und der weltweiten #metoo-Bewegung entstanden; »Die Domäne« befasst sich mit den Gefahren und Chancen von digitalen Welten in unserem modernen Alltag und »Wish List« zeigt den bewegenden Kampf einer jungen Frau gegen das oft unmenschliche Sozialsystem. Immer auf der Suche nach neuen Stoffen, werden zudem zwei Film-Adaptionen zur Uraufführung kommen – beide sind im bayerischen Raum angesiedelt und versuchen, Gesellschaftskritik mit Humor zu verbinden: Klaus Kusenberg wird bei seinem Regiedebut am Bismarckplatz mit »Wer hat Angst vorm weißen Mann?« kleingeistigen Rassismus verhandeln, während im Haidplatz mit »Die letzte Sau« der Massentierhaltung der Kampf angesagt wird. Die dritte Uraufführung wird ein besonderes Ereignis: Erstmalig wird das Siegerstück des internationalen Dramenwettbewerbs »Talking About Borders« in Regensburg uraufgeführt!
Selbstverständlich kommen auch die Klassiker nicht zu kurz. Jede Generation muss sie neu für sich entdecken, und immer wieder erweisen sie sich als überraschend relevant und am Puls der Zeit. Die junge Regisseurin Julia Prechsl eröffnet die Spielzeit mit Kleists märchenhaftem »Käthchen von Heilbronn« und wird dabei die herkömmlichen Geschlechterrollen auf den Prüfstand stellen. Ein weiteres junges Talent wird sich pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum des Kultklassikers »Frankenstein« annehmen: Sam Brown aus London freut sich auf seine erste Arbeit am Theater Regensburg. Der dritte Klassiker besticht schon durch seine moderne Überschreibung: Ewald Palmetshofer hat aus Gerhard Hauptmanns bekanntem Werk »Vor Sonnenaufgang« eine präzise Beschreibung unserer heutigen Gesellschaft gemacht – inszenieren wird der junge Regisseur Robert Teufel. Um den Spielplan abzurunden, darf natürlich die Musik nicht fehlen: Erik Gedeons Erfolgsstück »Ewig Jung« thematisiert mit leichter Hand unsere alternde Gesellschaft und ist genau das Richtige für alle Freunde der intelligenten Unterhaltung.

Im MUSIKTHEATER (Leitung Jens Neundorff von Enzberg) wird die Spielzeit mit Verdis »Nabucco« eröffnet, einer Oper über religiösen Fanatismus und über Menschen, die mit alttestamentarischer Wucht triumphieren – oder untergehen müssen. Mit Rareş Zaharia zeichnet ein junger rumänischer Regisseur für die Inszenierung (ML: Tom Woods) verantwortlich, der erstmals an einem deutschen Theater arbeiten wird. Das Ausstattungsteam (Helmut Stürmer und Corina Grămoşteanu) ist dem Regensburger Publikum seit »Doktor Schiwago« (2014/15) bestens bekannt. Obwohl Vicente Martín y Solers Oper »Una cosa rara« nach ihrer Uraufführung 1786 Mozarts »Le nozze di Figaro« vom Spielplan des Burgtheaters verdrängte, muss heute von einer Wiederentdeckung gesprochen werden. Regisseur Andreas Baesler und der bildende Künstler Markus Lüpertz erwecken mit dieser virtuos verwickelten Komödie die galante Welt des 18. Jahrhunderts zu neuem Leben. Am Pult der Regensburger Erstaufführung ist Christoph Spering zu erleben. Emmerich Kálmáns Operette »Die Herzogin von Chicago« lebt vom lustvoll ironisierten Clash zweier Kulturen: amerikanischer Lebensstil trifft auf europäische Traditionen, und musikalisch lautet die Devise: Jazz gegen Csárdás! Nach dem großen Erfolg von »Der Vetter aus Dingsda« (2017/18) wird das Regie team um Aron Stiehl (Ausstattung: Dietlind Konold) erneut am Theater Regensburg aktiv! Auch bei der Regensburger Erstaufführung »Chess – Das Musical« lebt die Spannung vom »clash of cultures«: Zwei Schach-Genies – Vertreter der waffenstarrenden Supermächte Russland und USA – treffen im Finale einer Weltmeisterschaft aufeinander und aus dem Turnier wird ein erbarmungsloser Stellvertreterkrieg. Textdichter Tim Rice fand in Benny Andersson und Björn Ulvaeus (ABBA) zwei brillante Komponisten, die ihre Partitur mit sinfonischem Gestus und Songs wie „One Night in Bangkok“ und „I Know Him so Well“ krönten. (ML: Alistair Lilley, R: Christina Schmidt). Selbstverständlich erlebt auch die Reihe der Uraufführungen und Auftragswerke ihre Fortsetzung! Gabriel Prokofiev, Enkel des russischen Komponisten Sergej Prokofiew, hat sich für seine erste Oper »Elizabetta« (Libretto: David Pountney) von der historischen Figur der „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory, die des Mordes an unzähligen jungen Frauen angeklagt wurde, inspirieren lassen. Thriller-Dramaturgie und schwarzer Humor treffen musikalisch auf klassische Formen der Oper und Anklänge aus der populären Musik. Nationaloper, Geisterspuk und Menschheitsdrama treffen in Carl Maria von Webers »Der Freischütz« aufeinander, wenn der von Versagensängsten geplagte Jägerbursche Max auf dunkle Mächte vertraut, um beim Probeschießen zu bestehen und seine geliebte Agathe als Braut zu gewinnen. Regie führt Matthias Reichwald, dessen Handschrift in Regensburg bereits bei der »Zauberflöte«, »Iphigenie –Triumph und Trauma« und «Un ballo in maschera« zu sehen war. »Romeo und Julia« auf Schottisch könnte »Lucia di Lammermoor« (Regie: Brigitte Fassbaender) betitelt sein: Schließlich sind die protestantische Familie Ashton und die katholischen Ravenswoods in Gaetano Donizettis Oper bis aufs Blut verfeindet. Und so hält die Liebe zwischen Lucia Ashton und Edgardo Ravenswood dem gewaltigen Druck von altem Hass, Glaubenskonflikten und machtpolitischen Interessen nicht stand. Zum Abschluss der Saison ruft erneut der Regensburger Hafen! Nach dem überwältigenden Zuspruch für den »Holländer im Hafen« wird der Industriehafen erneut mit einer Oper unter freiem Himmel bespielt: Freuen Sie sich 2019 auf Puccinis »Tosca« – einmalig, live und semikonzertant wird der Opernthriller um den skrupellosen Scarpia, die begehrte Floria Tosca und ihren Geliebten Cavaradossi unter freiem Himmel gegeben.

Im Tanz (Künstler. Leiter und Chefchoreograph Yuki Mori) beginnt die Spielzeit wieder mit einem spannenden Abend aus Eigen- und Gastkreation: Erstmals nach Regensburg eingeladen ist Fabien Prioville, der unter anderem sieben Jahre Ensemblemitglied im Wuppertaler Tanztheater bei Pina Bausch war und inzwischen ein gefragter Choreograph ist. In »Der Tod und das Mädchen« (Uraufführungen) widmet sich erst Yuki Mori dem Topos der Vergänglichkeit: In Bildern, die zwischen Diesseits und Jenseits angesiedelt sind, lässt Mori eine junge Frau ihren Erinnerungen begegnen und zeigt, dass Verlust und Ende auch die Möglichkeit des Neubeginns in sich bergen. Im zweiten Teil des Abends wird sich Fabien Prioville in seiner Kreation – orientiert am Spielzeitmotto – mit dem Thema „Kontraste“ beschäftigen und damit einen spannungsreichen Kontrapunkt zum ersten Stück setzen. Dass Liebe gefährlich, sogar lebensgefährlich sein kann, das beschreibt Choderlos de Laclos am Vorabend der Französischen Revolution in seinem mehrfach verfilmten Briefroman »Gefährliche Liebschaften«, der Yuki Mori Inspiration für seinen zweiten Tanzabend ist. Während durch das Philharmonische Orchester Regensburg Musik von Antonio Vivaldi, Jean-Philippe Rameau, Francesco Manfredini u.a. erklingt, zeigt Mori in seiner Uraufführung die Intrigen der Marquise de Merteuil. Mit ihren Affekten, Leidenschaften und Manipulationen sind die „Gefährlichen Liebschaften“ eine ideale Vorlage für den Tanz. »Tanz.Fabrik!« ist das bewährte Format für die Tänzer des Ensembles. Sie wechseln die Seite vom Tänzer zum Choreographen und können ihre eigene Tanzsprache formulieren. Ein wichtiges und bewährtes Format geht in die siebte Runde!

Spielzeitstart mit einer Weltpremiere im Jungen Theater! Niemals zuvor wurde die witzige Geschichte »Yoda ich bin! Alles ich weiß!« (10+) über einen Origami-Yoda auf einer Theaterbühne erzählt. 2010 erschien der Roman von Tom Angleberger in den USA; im Jungen Theater ist die Roman-Adaption über Außenseiter Dwight und das vermeintliche Origami-Orakel als Bühnenstück in der Regie von Eva Veiders zu erleben. Zur Weihnachtszeit widmet sich das Junge Theater im Velodrom dem derzeit beliebtesten Familienstück auf deutschen Theaterbühnen: »Die Schneekönigin« (6+) von Hans Christian Andersen (Regie: Robin Telfer) zeigt die abenteuerliche Suche von Gerda nach ihrem besten Freund Kay, der von der Schneekönigin in ihr Reich entführt wurde. Eine Reise durch alle Jahreszeiten beginnt ... Beat Fäh hat mit »Rose und Regen, Schwert und Wunde (Ein Sommernachtstraum) « (14+) William Shakespeares wohl phantasievollstes Theaterstück für Jugendliche bearbeitet, das in der Regie von Jule Kracht auf die Bühne im Jungen Theater gebracht wird. Mit dem Tanztheaterstück »Und dazwischen Ich« (12+) (Uraufführung) von Alessio Burani und Claudia Erl reagiert das Junge Theater auf eine historische Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das im Herbst 2017 das „dritte Geschlecht“ im Geburtenregister forderte und uns damit bislang geltende Normen neu denken lässt. Was ist eigentlich typisch weiblich oder männlich? Und was, wenn man sich fremd fühlt im eigenen Körper? »Das verrückte Wohnzimmer« (5+) (Regie: Maria-Elena Hackbarth) von Vincent Lagasse greift auf humorvolle Weise das Thema „Einsamkeit“ auf und erzählt für Jung und Alt die witzige Geschichte einer schrulligen alten Dame, die statt einer Tasse Tee einen neuen Freund bekommt – davor aber erleben muss, wie ihr Wohnzimmer besonders verrückt spielt, Bücher aus dem Regal fallen und Schubladen ein Eigenleben entwickeln.
Die Kooperation zwischen Cantemus-Chor und Theater Regensburg findet auch 2018/19 eine Fortsetzung. Über 100 Kinder und Jugendliche sind an der Musiktheater-Produktionen im Velodrom beteiligt; professionelle Sänger des Ensembles singen und spielen neben Nachwuchstalenten des Chores, die zum ersten Mal eine Solorolle übernehmen. Der große Zuspruch für Kinder- und Jugendclub führt auch 2018/19 wieder zu zwei Produktionen: Mit »Es war einmal …« (8+) zeigt der Kinderclub eine Stückentwicklung zu typischen Rollenmustern im Märchen, die durch Spiele und Improvisationen erarbeitet werden. Eine deutsche Erstaufführung bringt der Jugendclub mit »No Future Forever« (14+) von Jakob Nolte auf die Bühne. Das Stück fragt in verschiedenen Momentaufnahmen in poetischer Sprache nach den Perspektiven junger Erwachsener heute.

Das Das Konzertprogramm hat auch in der neuen Spielzeit inhaltliche Bezugspunkte zum Musiktheaterspielplan. Besonders hinweisen soll auf das 4. Sinfoniekonzert hingewiesen werden, in dem neben Werken von Paul Hindemith, Carl Orff und Ernst Krenek ein Werk des Komponisten Gabriel Prokofiev (Komponist der Uraufführung »Elizabetta«) für Turntables und Orchester zur Aufführung gebracht wird.

Fotokredit: Theater Regensburg