Tone Float

on Sunday, 01 November 2020. Posted in CD, Musik

Organisation

Tone Float

In unserer Reihe „From the vaults“ würdigen wir mit diesen Album Florian Schneider-Esleben,  Gründungsmitglied von Kraftwerk, der im Frühjahr gestorben ist. „Tone Float“ ist ein Album der Vorgänger-Band von Kraftwerk aus dem Jahr 1970. Von nicht wenigen wird dieser Longplayer von Organisation als die inoffizielle erste Kraftwerk-Platte angesehen wird, da hier die späteren zentralen Gestalten von Kraftwerk wie Florian Schneider und Ralf Hütter zusammen agierten. Nina Kulig hat dafür die Würdigung für diesen Monag geschrieben.
Es war in diesem turbulenten Frühjahr, als Florian Schneider-Esleben, Gründungsmitglied der bedeutenden deutschen Gruppe Kraftwerk, verstarb. Kraftwerk wird heutzutage mit dem markanten, von vielen Menschen als kalt empfundenen, elektronischen Sound, den sie in den 70ern entwickelten, assoziiert. Vor genau fünfzig Jahren allerdings, als Kraftwerk gegründet wurde, war die Reise noch nicht klar, wohin es gehen sollte. Aus dieser Zeit stammt auch die sehr interessante Langspielplatte mit dem Titel „Tone Float“, die von nicht wenigen als die inoffizielle erste Kraftwerk-Platte angesehen wird, da hier die späteren zentralen Gestalten von Kraftwerk wie Florian Schneider und Ralf Hütter zusammen agierten. Veröffentlicht wurde die Platte im Jahre 1970 allerdings unter dem Namen „Organisation“, die Umbenennung in Kraftwerk erfolgte erst ein paar Monate später. Dies ist nun mein Nachruf auf Florian Schneider, bei dem ich mich bewusst für die eher unbekannte Platte „Tone Float“ entschieden habe, da sie die Anfänge von Kraftwerk markiert und trotzdem einen ganz anderen Ansatz verfolgte. Wie das bunte, psychedelische Cover vielleicht schon vermuten lässt, waren Organisation Teil der damaligen subkulturellen, alternativen Gegenkultur. „Tone Float“ reihte sich musikalisch in den experimentellen und progressiven Zeitgeist der späten 60er und frühen 70er ein und stellte ein Paradebeispiel für die zu dieser Zeit praktizierte alternative, deutsche Rockmusik, den Krautrock, dar. Charakteristisch für „Tone Float“ sind vor allem die langen Instrumentalstücke und Improvisationen, aber auch der experimentelle Umgang mit Formstrukturen, Instrumentation und technischer Klangverfremdung. Es sind diese technischen Experimente und vor allem die Klangverfremdung von Florian Schneiders verschiedensten Querflöten, die den späteren Weg erahnen lassen und auch deutlich an Kraftwerks erste und zweite Platte erinnern. Neben unterschiedlichen Querflöten wartete Schneider mit einer elektrischen Geige auf, die er sitzend auf dem Schoß spielte. Auch Ralf Hütter versuchte auf seiner Orgel, einen Weg abseits gängiger Konventionen einzuschlagen. Doch das markanteste an dieser LP ist die starke Betonung von Percussioninstrumenten, die nicht zuletzt durch die Mitwirkung des afrikanischen Trommlers Basil Hammoudi und dem Schlagzeuger und Percussionisten Fred Monicks erreicht wurde. Es ist die dichte Rhythmik und die Klangfläche aus unterschiedlichsten Geräuschen, die eine meditative Stimmung erzeugt und vor allem für die erste Improvisation auf der A-Seite mit dem gleichnamigen Titel „Tone Float“ maßgeblich ist. Diese entwickelt sich schrittweise von einzeln erklingenden Rhythmusinstrumenten zu einem dichten Pattern, bevor Ralf Hütter mit lang anhaltenden, schwebenden Orgeltönen einsteigt und den ersten Höhepunkt ansteuert. Danach fällt die Spannung wieder etwas ab und Butch Hauf tritt mit seinem Bass in den Vordergrund, bevor Florian Schneider mit seiner Querflöte miteinsteigt. Es sind seine beschwörenden, meditativen Töne, die zusammen mit den anderen Instrumenten den nächsten Höhepunkt anpeilen. Es ist diese lange Improvisation, die eine ganze Plattenseite beansprucht und für damalige Verhältnisse unglaublich visionär wirkt. Besonders gelungen ist die Betonung eines immer weiterstrebenden Entwicklungsgedanken und der Umgang mit dem Auf- und Abbau von Spannung, der sich auch in der Dynamik äußert. Die B-Seite lebt von vier weiteren experimentellen Stücken, bei denen auch die erwähnte Klangverfremdung gut erkennbar wird. Gearbeitet haben Organisation im Gegensatz zu den späteren Kraftwerk aber fast ausschließlich mit einem konventionellen Instrumentarium, das eben auf eine andere Weise genutzt oder höchstens um seinen Klang mittels technologischer Hilfsmittel verfremdet wurde. Reine elektronische Instrumente sind hier aber noch nicht aufzufinden. Jedoch war der visionäre Gedanke, etwas völlig neues zu schaffen schon damals vorhanden, mit dem Florian Schneider-Esleben auch nach seinem Tod wahrscheinlich immer Verbindung gebracht werden wird. NiKu