Interview mit Cordula Kablitz-Post und Paul Dugdale

on Thursday, 21 March 2019. Posted in Musik

Interview mit den Filmemachern Cordula Kablitz-Post und Paul Dugdale

Interview mit Cordula Kablitz-Post und Paul Dugdale

Die Filmemacher Cordula Kablitz-Post und Paul Dugdale waren 2018 mit den Toten Hosen auf Tour. Kablitz-Post entwickelte das Konzept, filmte die Hintergrundgeschichten und führte die Interviews, während Dugdale die Shows dokumentierte. Zusammen zeigen diese sehr persönlichen Bilder von WEIL DU NUR EINMAL LEBST – DIE TOTEN HOSEN AUF TOUR das Phänomen »Hosen«, das sich die Band womöglich selbst nicht so ganz erklären kann. Hier ein Interview mit Cordula Kablitz-Post und Paul Dugdale

Im Film sagt eine Bewunderin der Toten Hosen, dass sie ihr erstes Konzert der Band im Alter von drei Jahren gesehen hat. Wann war dein erstes Hosen-Live-Erlebnis?
Ich habe die Toten Hosen live zum ersten Mal vor 15 Jahren gesehen. Ich fand sie immer schon spannend, habe in den 80er Jahren viel über MTV von ihnen mitbekommen – sie hatten ja gleich eine Menge Hits. Schon interessant, wie präsent die Toten Hosen immer waren. Man hat dauernd mitbekommen, was sie so machten. Niemand, der sich seit 1982 für Musik interessiert hat, kam an den Toten Hosen vorbei.

Als Filmemacherin hattest du vor WEIL DU NUR EINMAL LEBST bereits zwei Mal mit Campino gedreht. Ist der Kontakt über die Jahre bestehen geblieben?
In der ARTE-Sendung „Durch die Nacht mit…“ treffen sich zwei Künstler, die eine Nacht miteinander verbringen, Campino war von Anfang an auf unserer Wunschliste. Er schlug vor, den Schauspieler Klaus Maria Brandauer zu treffen. Das war 2006. Dabei kam eine sehr interessante Sendung heraus, Campino mochte sie auch. Das ist wichtig, weil die Toten Hosen dafür stehen, dass sie nicht alles mitmachen und gut finden. Sie haben Prinzipien. Ich habe dann vor ungefähr zehn Jahren ein Feature über Campino gedreht für das Format „Deutschland, deine Künstler“. Danach gab es erst mal eine Pause, denn ich will mich nicht wiederholen, sondern bei einem Film immer etwas Neues entdecken und mich wieder überraschen lassen.

Wie kam es dann zur Idee für WEIL DU NUR EINMAL LEBST?
2017 wurde der Gedanke konkret, mich noch mal intensiv mit den Toten Hosen zu beschäftigen und einen Tourfilm über die Band zu machen. Ihre Entwicklung über die Jahre empfand ich als so beeindruckend, dass ich dachte: Das muss man im Kino zeigen. Spannend fand ich die Tatsache, dass die Band so lange zusammen ist. Ich wollte wissen: Wie schaffen sie es, so erfolgreich immer weiterzumachen? Ich vermutete, die demokratische Herangehensweise innerhalb der Band könnte das Erfolgsrezept sein. Andere Bands schlüsseln genau auf, wer die Texte oder die Musik eines Songs geschrieben hat und dafür Geld bekommt. Die Hosen teilen alle Einnahmen zu gleichen Teilen auf. Diese einzigartige Bandchemie machte mich wieder neugierig. Wie funktioniert die im Tour-Alltag? Der rote Faden im Film sind die Lieder ihrer Bandgeschichte, die thematisch eine große Rolle bei der Band spielen wie zum Beispiel „Wünsch DIR was“, „Auswärtsspiel“, „Tage wie diese“, „Hier kommt Alex“ und die auf fast allen ihren Konzerten gespielt werden, aber auch eine Rarität wie „Frühstückskorn“ aus den Anfangstagen, die sie im Berliner SO36 gespielt haben.

Die Toten Hosen sind bekannt für ihre mitreißenden Live-Auftritte. Hattest du gleich im Sinn, sie für den Film auf Tour zu begleiten?
Ja, ich mag es, wenn man mit den Künstlern, die man porträtiert, auf Reisen geht. Unterwegs findet man keine inszenierten oder gestellten Situationen vor. Da ist dann alles „so wie es ist“. Das war in diesem Fall auch mein Anspruch. Die Toten Hosen haben viel Erfahrung mit Kameras, jeder aus der Band weiß ziemlich gut, wie er medial rüberkommt. Mein DOP Christopher Rowe und ich wollten erreichen, dass sie die Kamera ein bisschen vergessen. Das geht eigentlich nur, wenn du die ganze Zeit dabei bist und wirklich sehr viel Zeit mit der Band verbringst.

Du sprichst von der Bandchemie. Für die vielen persönlichen Momente im Film musste die Chemie zwischen den Toten Hosen und dir auch stimmen. Wie hast du das empfunden?
Ich hatte den vorherigen Kontakt zu den Toten Hosen menschlich immer als sehr angenehm wahrgenommen. Sie sind ja nicht abgehoben. Das sind keine Diven mit Allüren, sondern sehr bodenständige Leute. Was sie auf der Bühne verkörpern, entspricht ihren Charakteren. Meine Erfahrungen während des Drehs zu WEIL DU NUR EINMAL LEBST bestätigten das. Ich habe sie natürlich bestimmt auch genervt. Dann kam die Ansage: „Jetzt mach mal bitte die Kamera aus!“ Aber zum Glück selten. Sie waren extrem geduldig. Wir durften eigentlich überall dabei sein. Letztlich reagierte da jeder etwas anders. In der Band sind ja nicht alle gleich, das ist Teil dieser Chemie. Breiti ist zum Beispiel jemand, der sich lieber hinter den Tonmann stellt, weil er weiß, dass er dann nicht gefilmt wird. Ich habe aber drauf geachtet, dass alle möglichst häufig vorkommen.

Wie lief die Kooperation mit Paul Dugdale, der die Live-Aufnahmen gefilmt hat?
Super. Die Band hat uns verkuppelt. Die Hosen meinten: Der Paul ist für uns der beste Konzertregisseur, und wir vertrauen dir, was die Dokumentation angeht. Für mich klang das perfekt. Paul hat ja unter anderem einen Film über die Rolling Stones gemacht und es geschafft, die Stones auf der Bühne authentisch einzufangen. Seine Herangehensweise passt gut zu meinem dokumentarischen Stil. Er braucht keine Seile oder Kräne, arbeitet sehr basic. Wir hatten nur sieben Kameras, aber man hat nie das Gefühl, dass etwas fehlt. Mit zwei Regisseuren kann es auch kompliziert werden, aber wir haben schnell gemerkt, dass wir uns sehr gut ergänzen. Im Endeffekt hat Paul es mir überlassen, den Film zu gestalten, auch weil er kein Deutsch spricht und nicht genau erfassen kann, was ich erzählen will. Die Dokumentation formt ja den Film. Es gibt in WEIL DU NUR EINMAL LEBST einen Handlungsverlauf – und Paul hat aus jedem Konzert die perfekten Live-Bilder dazu kreiert.

Auf einer Tour passieren ja überraschende Dinge. Ich denke da an die spontane Nacht im Schwimmbad. Wie hast du sie erlebt?
Ich muss gestehen, dass die Szenen im Schwimmbad gar nicht wir gedreht haben, sondern ein Freund der Band mit dem Handy. Das war so: Campino rief mich um zwei Uhr nachts an und meinte: „Wir gehen jetzt schwimmen, willst du mitkommen?“ Da saß ich aber noch mit Paul Dugdale und ein paar anderen für letzte Besprechungen zusammen. Die Kameras waren schon im Hotel. Wir konnten ja nicht ahnen, dass sie um diese Uhrzeit noch was unternehmen würden. Aber ich bin sehr froh, dass es einer dokumentiert hat. Wir selbst benutzten diese wahnsinnig schweren Kino-Kameras, die Arri Amira. Es wäre sicher ein Problem gewesen, mit unseren Kameras über den Zaun ins Schwimmbad zu klettern. Eigentlich unmöglich.

Eine nicht so schöne Tour-Überraschung war Campinos Erkrankung. Wie hast du die Sache mit seinem Hörsturz und den abgesagten Konzerten wahrgenommen?
Das war ganz schlimm. Wir waren an dem Morgen zum Dreh verabredet, da rief Andi an und erzählte mir von Campinos Hörsturz. Ich hielt es zuerst für einen schlechten Scherz, konnte mir das gar nicht vorstellen. Und klar, neben der großen Sorge um Campino gab es die Befürchtung, dass der Film nicht fertig wird. Wir hatten bis zu dem Zeitpunkt erst zwei Konzerte gefilmt. Es wurden dann sofort Entscheidungen getroffen und Konzerte abgesagt, das haben wir ja alles dokumentiert. Wobei die Band keine große Lust hatte, die Krankheit im Film auszustellen. Als Jammerlappen wollten sie nicht dastehen. Alle waren sehr glücklich, als es nach sechs Wochen Pause weitergehen konnte, auch wenn es natürlich eine Zitterpartie blieb, ob mit dem Ohr alles in Ordnung ist und Campino die Belastung aushält.

In der Dramaturgie des Films leidet man richtig mit. Dann kommt die ausgelassene Feier im Tourbus. Professionalität ist den Hosen wichtig. Das zeigt WEIL DU NUR EINMAL LEBST. Aber eben auch, wie viel Spaß sie noch haben. Ein wichtiger Aspekt?
Ja, auf jeden Fall. Campino erzählt am Anfang, dass sie auf Tour gar nicht mehr so richtig feiern. Sie sind mittlerweile sehr diszipliniert. Schlagzeuger Vom, der seit Ende der 90er dabei ist, sagt manchmal im Spaß: „Ich bin ein bisschen zu spät zu den Toten Hosen gekommen. Die Party war schon vorbei, als ich kam.“ Aber ganz so extrem ist es nicht, sie feiern noch, wenn sie am nächsten Tag kein Konzert haben.

Du hast die Toten Hosen über Monate hautnah in großen Stadien und kleinen Clubs, auf und hinter der Bühne, erlebt. Wie erklärst du dir ihren Erfolg?
Ich glaube, dass die Fans sich stark mit den Toten Hosen identifizieren. Die Band ist mit ihrem Publikum auf Augenhöhe und legt da auch großen Wert drauf. Ich fand die Geschichte mit Kuddel und Daniel Vollmer so toll. Daniel ist seit vielen Jahren auf fast auf jedem Toten Hosen-Konzert dabei und reist der Band auch bis nach Argentinien hinterher. Wenn es neue Songs gibt, will er sie selbst spielen können. Kuddel nimmt sich die Zeit und zeigt ihm immer die Griffe. Das ist auch im Film drin.

Und woher kommt die Verehrung der Hosen in Argentinien?
Argentinien ist ein spezieller Fall. Seit Anfang der 1990er Jahre spielen sie dort Konzerte, inzwischen gibt es eine familiäre Bindung zu den Fans. Die Bewunderung hat sich in den letzten Jahren noch gesteigert, auch weil es die Ramones nicht mehr gibt. Die Toten Hosen sind so was wie deren Platzhalter geworden. Es existiert sogar ein Hosen-Festival. Die Jungs fühlen sich da sehr wohl. Ein Freund der Band, Mariano, mit dem sie auf einem Weingut Geburtstag feiern, sagt im Film ganz passend: „Wahrscheinlich finden sie in Argentinien zurück zu ihren Punk-Wurzeln.“

Der Film klammert nicht aus, dass die Toten Hosen ein Unternehmen sind, in dem neben Campino, Kuddel, Andi, Breiti und Vom viele andere Menschen arbeiten. War der sensible Umgang der Band damit eine Überraschung für dich?
Es ist auf jeden Fall wirklich herausragend, wie autark und treu untereinander die Hosen sind. Die Toten Hosen haben seit vielen Jahren dieselbe Crew, da wechselt nur ganz selten mal einer. Der Security-Mann René Tagliapetra bringt es auf den Punkt. Er erklärt, dass alle noch mit dabei seien, bis auf die, die schon gestorben sind. Das ist für mich eine besondere Qualität der Band. Zum Umgang mit dem Thema Punk und Erfolg findet Campino im Film auch passende Worte - für sie ist es kein Problem mehr.

Es ist eine große Kunst, aus den vielen Aufnahmen eine stringente Geschichte zu machen. Hast du mit dem Schnitt des Materials schon während der Tour begonnen?
Im Mai 2018 haben wir angefangen zu drehen – und im August begonnen zu schneiden. Die erzwungene Tour-Pause hat vielleicht sogar ein bisschen geholfen. Meine Editorin Mechthild Barth und ich konnten früh eine Linie reinbringen: Was erzählen wir und was nicht? Wir wussten von Anfang an, dass wir relativ schnell fertig werden wollen, damit WEIL DU NUR EINMAL LEBST nicht zwei Jahre nach der Tour herauskommt, sondern eine gewisse Aktualität hat. Gerade was die Haltung der Toten Hosen zu den politischen Ereignissen 2018 angeht, die im Film deutlich wird, war das sicher die richtige Entscheidung. Aber es gab ungefähr 190 Stunden Rohmaterial. Das ist Wahnsinn. Wir hatten auch den nötigen Austausch mit den Engländern, die uns ihre Konzertmitschnitte zeitnah schickten. Er war eine super Teamarbeit.

Ergänzend dazu hier noch einige Fragen an Paul Dugdale: Dugdales Leidenschaften heißen Film und Musik. Er konzipiert und dreht Dokumentationen sowie Konzertfilme.

Du hast schon bei mehreren Konzertfilmen Regie geführt. Wie bringt man die Energie einer Bühnenperformance im Film rüber?
Die Energie eines Auftritts hängt davon ab, um welche Künstler es sich handelt – und was für eine Musik gespielt wird. Die Toten Hosen sind reiner Punkrock. Die Band und jeder Konzertbesucher geben immer 100%. Alle leben den Moment.

Wie sah dann die spezielle Herangehensweise bei WEIL DU NUR EINMAL LEBST aus?
Wir wollten die Dynamik zwischen Bühne und Zuschauerraum einfangen. Die Fans beim Konzert sollen ein Barometer für das Filmpublikum sein. Ich blickte dem Sturm ins Auge, war mit der Kamera im größten Mosh Pit vor der Bühne und fand es irgendwie schizophren: In einem Moment wurde wild gepogt, dann wieder ein schützender Kreis gebildet, damit sich in der Mitte jemand die Schnürsenkel binden konnte. Es gab so viel positive Energie! Auch die Filmzuschauer sollen spüren, wie es ist, live bei einem Gig der Toten Hosen dabei zu sein. Im Endeffekt wirkt es im Film so, als würde man direkt neben der Band stehen – auf Kräne und zu viel Technik haben wir verzichtet. Das macht die Erfahrung fesselnder.

Jetzt hast du sie so oft auf der Bühne erlebt: Was gefällt dir besonders an den Toten Hosen?
Ihre Songs lassen dein Herz schneller schlagen. Und sie sind authentisch. Die haben ihr Ding von Anfang an durchgezogen, was nicht immer einfach war. Das verdient den größten Respekt. They are the real deal and you can’t fuck with that. Ich liebe es, ihre Shows zu filmen.

Ist es einfacher, sich als Konzertfilmemacher auf einen Auftritt zu konzentrieren oder bringt es auch Vorteile, mit auf Tour zu gehen?
Haha. Es ist sicher einfacher, wenn man nur eine Show filmt, aber genau das macht diesen Film für mich so besonders. Mein Ziel war es, dass die Konzertbilder ähnlich funktionieren wie das dokumentarische Material. Sie sollten die Musik nicht interpretieren, sondern beobachtend und intim sein. Wir konnten nicht jede Show filmen, aber ich bin stolz darauf, dass der Film diese Tour der Toten Hosen so direkt abbildet. Es gibt keine hundert Schnitte pro Minute, Montage oder Slow-Motion-Effekte. Wir wollten sichergehen, dass wir dem Filmpublikum ein rundum authentisches Erlebnis bieten.

Wie würdest du die Zusammenarbeit mit Cordula Kablitz-Post beschreiben?
Es war fantastisch. Sie ist so eine großartige Filmemacherin. Von unserem ersten Telefongespräch an teilten wir eine künstlerische Vision. Das ist sehr wichtig, wenn man sich auf der kreativen Ebene begegnet und gemeinsam an einer Sache wie WEIL DU NUR EINMAL LEBST arbeitet. Während des Entstehungsprozesses gab es einen regelmäßigen Austausch von Ideen. Ich muss aber zugeben, dass ich mich oft schuldig fühlte. Nämlich immer dann, wenn wir nach einer Show aufhörten zu filmen und uns ein Bier genehmigten, während Cordula und ihr Team in den Tourbus stiegen, um die Reise in die nächste Stadt zu dokumentieren.

Aus 180 Stunden Filmmaterial wurde diese Doku geschnitten. Sie gibt Einblicke in das Innenleben einer der größten Bands Deutschlands und zeigt mitreißend geschnittene Konzertszenen aus Stadien und Clubs während ihrer Tour 2018. Ein wahres Musikfilmerlebnis, bei dem Kablitz-Post hinter und Paul Dugdale vor der Bühne Regie führten. Der Film kam im März ins Kino und ist seit August auch auf DVD und Blu-ray im Handel.

Interview: filmpresskit.de