Amerika im Kalten Bürgerkrieg - Wie ein Land seine Mitte verliert.

on Thursday, 25 June 2020. Posted in Buch

Torben Lütjen

Amerika im Kalten Bürgerkrieg - Wie ein Land seine Mitte verliert.

Was ist aus dem Musterland der westlichen Demokratien geworden? Stabile Institutionen, unideologische Parteien und eine funktionierende Interorgan-Kontrolle der „Checks and Balance“ galten lange Zeit als Gegenentwurf zum ideologisch zerklüfteten Europa. Doch nicht erst seit der Präsidentschaft von Donald Trump passt dieses Bild nicht mehr. Das Buch des Politikwissenschaftlers Torben Lütjen, der seit Anfang 2017, also beim  Amtsantritt Trumps zum amerikanischen Präsidenten, eine Professur für European Studies and Political Science an der Vanderbilt-Universität in Nashville innehat, stellt eine fundierte, sachliche und un-ideologische Analyse der amerikanischen Gesellschaft dar. Der stereotypen Beschreibung der Trump-Wähler als die in ihrem sozialen Status bedrohten Angehörigen der Arbeiterklasse mit niedrigem Bildungsstand, die irgendwo im Rust Belt oder den Kohlerevieren Virginias leben, stellt er in seiner fundierten Analyse die wohlhabenden Millionen von gut situierten Amerikaner gegenüber, die „ziemlich genau wussten und wissen, welche Art von Person Donald Trump ist – aber ihm trotzdem ihre Stimme gegeben haben.“
Diese ideologische Spaltung des Landes, in der die Mitglieder der jeweiligen Seiten sich bevorzugt in ihren eigenen „Echokammern“ aufhalten, ist nicht auf die sozialen Medien beschränkt. Sondern die Menschen „sind anders“. Sie leben in eigenen Stadtvierteln, kaufen in bestimmten Läden ein (Öko vs. Wallmart), tragen unterschiedliche Kleidung, essen unterschiedliches Essen und schicken natürlich ihre Kinder in unterschiedliche Schulen und Universitäten, in denen diese wiederum mit den Teilen der Bevölkerung Kontakt haben, die so denken wie sie. Diese ideologische Spaltung verortet der Autor bereits Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, als mit Richard Nixon ein Präsident regierte, der eigentlich bereits so agierte wie Trump heute – Ablehnung der intellektuellen Eliten, Missachtung der Presse (Watergate). Doch diese Entwicklung zu immer mehr Desintegration ließen sich auch in anderen Demokratien beobachten, seien aber in den USA vielleicht „nur sehr viel weiter fortgeschritten“ als in Europa. Es seien gerade die Zuwächse an individueller Freiheit, die diese Entwicklung beschleunigen und die „Amerikaner zu Ideologen gemacht“ habe. Ähnliche Muster sieht der Autor in dem Erstarken populistischer Parteien in Europa, die nach ähnlichem Muster funktionierten.
In mehreren Kapiteln analysiert der Autor die Hintergründe, die zum Aufstieg und letztendlich zur Wahl Donald Trumps geführt haben, und diese Analysen sind faktenreich belegt und spannend zu lesen. Sie zeigen das Bild eines gespaltenen Landes, das durchaus Angst machen kann. So zitiert er Untersuchungen, dass Mitglieder sowohl der Demokraten als auch der Republikaner angeben, die andere Seite grundlegend zu hassen und keinen möglichen Konsens zulassen würden.
Ob und in welche Richtung sich die Situation in den USA mit Corona, der Wirtschaftskrise und den Anti-Rassismus-Demonstrationen ändern wird, wird spannend werden im nächsten halben Jahr. Dennoch ist der Autor davon überzeugt, dass die amerikanische Demokratie Bestand haben wird und die demokratischen Institutionen der Verfassung weiter funktionieren, auch wenn Trump ein zweites Mal zum Präsidenten gewählt werden würde. Einzelne Ansätze dazu sind ja gerade in der amerikanischen Politik erkennbar.
Fazit: ein faktenreiches, seriöses, spannenden Buch über ein Kapitel Zeitgeschichte! (arm)