The Road to Somewhere - Wie wir Arbeit, Familie und Gesellschaft neu denken müssen.

on Monday, 22 June 2020. Posted in Buch

David Goodhart

The Road to Somewhere - Wie wir Arbeit, Familie und Gesellschaft neu denken müssen.

Der englische Publizist David Goodhart analysiert in seinem Buch den neuen Populismus und die gesellschaftliche Spaltung der letzten zweieinhalb Dekaden. Le Pen, Brexit, Trump, Pegida, AFD, die ewige Hasskultur im Netz – in der globalen Welt, so Goodhart, sind zwei neue „Meta-Klassen“ entstanden, zwei radikal verschiedene Lebens- und Fühlweisen. Und diese treten nun in einem neuen Kulturkampf gegeneinander an. Das Buch erschien in England Ende März 2017, nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten und dem Brexit-Referendum. In beiden Fällen sei der Ausgang für ihn unerwartet gewesen, so der Autor, dennoch sei seine These, dass „nämlich unterschiedliche Werte und die Themen Sicherheit und Identität in den reichen westlichen Gesellschaften in Konkurrenz zu den traditionellen sozioökonomischen Themen treten“, eine passende Erklärung für die „populistische Revolte“, die gerade stattgefunden hatte.
Ausdruck dieser gesellschaftlichen Spaltung sind die Gruppen der „Anywheres“ und „Somewheres“, die allerdings nicht weiter nach bestimmten Milieus differenziert werden. Anywheres sind laut Goodharts Definition in allen Wohlstandsländern eine Minderheit von 15 bis maximal 25 Prozent, die aber den Deutungsdiskurs bestimmen. Ihr Grundverständnis stammt aus ihrem sozialen Aufstieg, sie pflegen „achieved identities“, also ein Selbstbewusstsein, das überwiegend auf ihrem beruflichen Erfolg fußt. Sie sehen sich als liberal, tolerant und progressiv und leben in der City; beispielsweise der City of London, und bestimmen den Diskurs. Dagegen stehen die „Somewheres“, die in traditionellen Werten wie Familie, Heimat und Nation verhaftet sind und sich über einen Ort, eine Subkultur-Gruppe, oft auch über die Nation definieren müssen, weil ihre berufliche Identität weder Stolz noch Gewinnergefühle begünstig. Ihr anfängliches Unbehagen an der Welt, wie sie die Anywheres nach dem Zusammenbruch des Kommunismus formten, mündete nach und nach erst in Missbilligung, dann weltweit in Gegenschläge, deren heftigste in beunruhigenden Phänomenen wie Brexit-Votum und Trump-Wahl, wie AfD, Gelbwesten und dem europaweiten Aufstieg des Populismus ihren Ausdruck fanden.
Die Folgen der veränderten Welt für die Familien zeigen sich darin, wie sich die Rolle der Frau im Spannungsfeld zwischen Karriere und Familie entwickelt hat. Die Bedeutung von Bildung und Ausbildung in den wissensbasierten Bereichen hat enorm zugenommen, während die Wertschätzung für die traditionellen Handwerks- und Arbeiterleistungen weit hinter den universitären Berufsbildern zurückfiel. So trennt die  Überbetonung der wissensbasierten Ökonomie bereits unter Vorschulkindern die zukünftigen Gewinner von den Verlierern des Systems. Das führt zur Frage, warum das Ansehen und die Entlohnung akademischer Berufe soviel höher sind als für jene Menschen, die nicht nur in der Corona-Krise dafür sorgten, dass Supermarktregale gefüllt und Schwerkranke ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit gepflegt wurden. The Road To Somewhere wird so zu einem unüberhörbaren Appell, warum wir nach Corona das letzte Jahrzehnt kritisch überdenken und über eine neue Gesellschaft nachdenken sollten, die den Graben zwischen Anywheres und Somewheres überwindet.
Vielleicht konnte nur ein Brite ein solches Buch schreiben, das uns letztlich nicht nur als Deutsche oder Briten kompromisslos mehr Miteinander abverlangt, sondern als Europäer. (arm)