Vom Ende der Einsamkeit

on Wednesday, 04 March 2020. Posted in Buch

Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit

Eine Stadt liest ein Buch – diese Aktion geht heuer in die dritte Runde. Nach „Glückskind“ von Steven Uhly und „ Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ von Alex Capus  steht der Roman von Benedict Wells auf der Leseliste für die Regensburger. Es ist eine Art „Coming of Age“- Geschichte, rückblickend erzählt, Anfang und Schluss bilden den zeitlichen Rahmen der Lebensgeschichte des Protagonisten.
„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“ Das ist schon mal ein beachtlicher Anfangssatz für diese Geschichte und steckt bereits die Kernthematik ab: Leben, lieben und Verlust,  Überleben und die Suche nach der Beständigkeit des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen. Der Erzähler Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Die drei Geschwister kommen in ein Internat, wo sie sich aber immer weiter entfremden. Jules zieht sich mehr und mehr  in sich zurück, die Schwester entwickelt sich zu einem flippigen Teenager, und der ältere Bruder kapselt sich ebenfalls von den beiden ab. Lediglich ein Mädchen aus der Klasse, Alva, bietet etwas Halt für Jules, und sie bleibt eine sichere Bezugsperson bis zum Abitur. Danach verliert sich auch diese Beziehung. Zunächst versucht Jules sich als Fotograf zu etablieren, aber mit wenig Erfolg, wird zu einem Mitarbeiter eines Musiklabels, ist aber auch in dieser Sparte mit seinem Leben nicht zufrieden, leidet unter seiner „Tatenlosigkeit“ und trauert den verstorbenen Eltern nach. Ebenso ergeht es ihm mit seinen Beziehungen zu Frauen, seine erste Liebe Alva kann er nicht vergessen, obwohl er sich gar nicht so sicher ist, dass er sie tatsächlich geliebt hat und immer noch liebt.
Das ändert sich, als er Alva wieder trifft. Sie lebt inzwischen in den Schweizer Bergen und ist mit einem alternden Schriftsteller verheiratet. Jules erkennt, was er all die Jahre vermisst hat, welche Chancen er vertan hat, und sie finden endlich zusammen. Inzwischen haben sich auch die drei Geschwister wieder angenähert. Nach dem Tod von Alvas Mann beginnt ihre gemeinsame Zeit  Leben, sie leben glücklich mit ihren beiden Kindern, bis das Schicksal auch diese Idylle zunichte macht.
Wells schreibt seinen Roman mit einem tiefen Gefühl für das Innenleben seiner Figuren, behandelt sie liebevoll und zeichnet sie mit viel Verständnis für ihre Verfehlungen und Ticks. Die  gesellschaftliche Entwicklung der Gegenwart bleibt ausgespart, spielt in der Handlung keine tragende Rolle. Seine Geschichte berührt und fasziniert zugleich. Manchmal schlägt er allerdings eine recht sentimentale Richtung ein und kommt hart an die Grenze zum Mainstream. Dennoch ist der Roman eine schöne, herzerwärmende Geschichte, die sicher viel Gesprächsstoff liefert. (arm)