Alles das und mehr

on Friday, 06 September 2019. Posted in CD

Sarah Straub

Alles das und mehr

Zwei Jahre nach ihrem dritten, per Crowdfunding finanziertem, englisch-sprachigen Album “Love is Quiet” erscheint am 6. September nun ihr viertes, und diesmal deutsch-sprachiges, Album “Alles das und mehr”. In der Zeit nach “Love is Quiet” reifte in Sarah die Idee, sich musikalisch und auch sprachlich einer neuen Richtung zuzuwenden. Und wie es der Zufall so wollte, hörte und sah Konstantin Wecker bei Youtube eine von ihr dargebotene Coverversion eines seiner Lieder. Überzeugt davon, dass hier Großes entstehen kann, kontaktierte er sie mit der Idee, sich Lieder aus seinem umfangreichen Programm auszusuchen und diese zu „Strauberifizieren“. Das Resultat liegt nun mit dieser neuen CD vor. Und was soll man sagen. Es ist extrem gut gelungen. Die Songs sind, soweit ich das beurteilen (ich kenne so gut wie nix von Wecker, und einer seiner bekanntesten Songs “So a saudummer Tag” ist nicht drauf) kann, musikalisch nah am Original, textlich unverändert, aber halt viel besser gesungen in meinen Augen. Sein Pathos schwangerer Gesangsstil ist eben eher nicht meins. Zum Album: Die Songs werden in der Regel musikalisch sehr reduziert dargeboten. Piano und die glockenklare Stimme von Sarah reichen in der Regel schon aus, um sie zu etwas Besonderem werden zu lassen. Ab und zu gibt es noch einige kleine Farbtupfer in Form von Orchestrierung (beim Einstiegssong und zugleich ersten Single “Ich singe, weil ich ein Lied hab”), eine Geige im trotz des ernsten Themas, beschwingten “Empört euch”, hier mal ein Akkordeon bei “Du bist so häßlich”, dort ein Glockenspiel bei “Leben im Leben” oder mal rein Acapella wie beim sehr politischen gegen Nazis und anderen Menschenfängern gehaltenen “Den Parolen keine Chance” (die Schreibmaschine am Anfang und Schluss mal ausgenommen, sehr cooler Effekt). Die Trompetenbegleitung bei “Uferlos” trägt das Lied dann doch Richtung Ufer. Und ein bluesiger Song, ganz in Schwäbisch (ihr Heimatdialekt) gehalten, ist ”Inwendig warm”, wo es dann sogar ein kleines Gitarrensolo zu hören gibt. Coole Idee. Man muss aber schon verdammt gut aufpassen, um alles zu verstehen als Oberpfälzer ;-). Da wird es einen auch von außen warm. Es ist ein eher ruhiges Album (so ganz konträr zu der lustigen, immer lachenden und gut gelaunten Sarah), das für die Charts vermutlich eher ungeeignet sein dürfte, und für das man Muse benötigt. Es ist nichts zum nebenbei hören, auch wegen der sehr langen Texte, damit man die vielen lyrischen Feinheiten von Konstantins’ Liedern erfassen kann. Man sollte es zwei oder dreimal anhören, mit etwas zeitlichem Abstand, damit die Songs sacken können. Es ist politisch, es geht um die Liebe in allen Facetten, es geht um den Mut aufzustehen und sich gegen Unrecht zu wehren, gegen Faschisten und Rassisten z.B. in “Die weiße Rose” und natürlich darum, ein guter Mensch zu sein. Schafft das eine CD oder eine Künstlerin? Schwer zu sagen, aber je mehr es tun, desto besser wird vielleicht die Welt. Und vielleicht trägt diese CD auch etwas dazu bei ein Gutmensch zu sein oder zu werden. Die am kommerziellsten Lieder, wenn man sie im Gesamtkontext so bezeichnen mag. wurden bereits vorab als Singles ausgekoppelt und sind bei Youtube zu bewundern: “Ich singe weil ich ein Lied hab” und “Niemand kann die Liebe binden”. Letzterer ist auf dem Album in zwei unterschiedlichen Versionen enthalten. Als eine Soloversion gesungen nur von Sarah und am Ende als Abschluß noch die Duettversion mit Konstantin Wecker, die so auch bei Youtube zu sehen ist. Welche man bevorzugt, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Sie sind beide Klasse in ihrer Art, musikalisch und textlich natürlich, aber unterschiedlich und das nicht nur wegen der zwei Stimmen. Hier gibt es noch ein Orchester, Geigen und auch Schlagzeug während bei der Soloversion nur eine Klarinette(?) neben dem Piano zu hören ist. Auch sind die Gesangslinien dort anders. Zudem ist die Duettversion auch etwas länger. Man bekommt dennoch einen kleinen Einblick auf was man sich einlässt, wenn man dieses Album kauft. Warum Sarah diesen oder jenen Song ausgewählt hat, kann man entweder bei Instagram oder bei Facebook nachlesen, wo sie für diverse Lieder kurzer Erklärungen abgibt. Fazit: Geeignet ist das Album zuallererst für Sarah Straub-Fans und alle, die mit Konstantin Wecker etwas anfangen können. Weiterhin für alle musikalisch open minded Leute, die gerne mal andere Musik hören möchten und hier ein grandioses, nennen wir es, Singer/Songwriter-Album der alten Schule vorfinden, mit intelligenten, nachdenklich machenden (Track 2 “Das ganze schreckliche Leben”), manchmal auch lustigen deutschen Texten, wo sich eigentlich jeder in irgendeiner Form persönlich wiederfindet bzw. damit identifizieren kann. Mein persönliches „Nicht Metalalbum“ des Jahres (ok, ich bin auch etwas befangen muss ich gestehen), das mir Konstantin Wecker etwas näher gebracht hat und nur die Höchstnote verdient. Somit 7 Punkte von meiner Seite und eine klare Kaufempfehlung (direkt bei ihr z.B.) Zudem ist sie ja aktuell auf Tour (Termine findet man unter www.sarah-straub.de oder ihrer Facebookseite https://www.facebook.com/SarahStraubMusic/) und den Grund warum hingesehen sollte, findet man hier auf der Seite bei den Konzertkritiken von mir.  (Sturm & Klang) HJH

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