Banana Skin Shoes

on Monday, 11 May 2020. Posted in CD

Badly Drawn Boy

Banana Skin Shoes

Damon Michael Gough ist ein britischer Musiker und Songwriter, der eine ganz eigene Folk/Pop-Mischung spielt. Unter diesen Namen kennen ihn aber garantiert nur wenige, bekannt ist er unter seinem Künstlernamen Badly Drawn Boy, der von einer Figur aus der Zeichentrickserie Jamie and His Magic Ball stammt. Diese Serie hatte er 1995 während einer Party in Trafford, Manchester im Fernsehen gesehen. Und lange ist es auch her, dass es neue Musik von ihm gab,  gleich zehn Jahre seit dem letzten Studioalbum. Oh ja, da war noch das Soundtrack-Album dazwischen, und der Singer-Songwriter aus Manchester rechnet auch Soundtracks als richtige Alben... aber auch das ist schon wieder acht Jahre her. Und der Film ist in Großbritannien nie angelaufen, in Deutschland übrigens auch nicht. Das bedeutet: ein ganzes Jahrzehnt also, das im Grunde genommen eine komplett Badly-Drawn-Boy-freie Dekade war. Gefehlt hat er, dieser Sound, dieser Mann aus Manchester mit der Wollmütze, sehr sogar. Er, dieser DIY-Trailblazer, dem es doch einst tatsächlich gelungen war, die Musikwelt zugleich im Sturm und im schlurfenden Gang zu erobern, als er vom Stadtteil Chorlton aus sein immer noch überragendes Debüt “The Hour Of The Bewilderbeast” vom Stapel ließ. Das war 2000. Und ein wohlverdienter Mercury Prize noch dazu. Was war da los? „Ich sage es echt nur ungern, dass es zehn Jahre waren“, holt Gough aus und verbindet ein reumütiges Lächeln mit einer Bewegung, die man wohl als schuldbewusstes Sich-Winden bezeichnen kann. „Schließlich klingt das ja nach: Wie faul war ich eigentlich?! Aber ich hab kein Problem damit, die ganze Wahrheit zu erzählen... wo sie doch so wichtig ist für das alles.“ Also, noch einmal tief durchgeatmet, und dann direkt zur Sache – Klartext: Das Leben selbst sei ihm dazwischengekommen. Das Leben mit all seinen krankmachenden Sturzfahrten, all seinen Freudentaumel auslösenden Höhenflügen. Ein paar echt ätzende Sachen sind passiert. Und auch ein paar richtig tolle.  Da waren Partnerprobleme und solche mit dem Alkohol. Dazu kam eine Depression. Es dauerte seine Zeit, bis er das alles klären konnte. „Das Trinken wurde besonders in den Phasen zur festen Gewohnheit, wenn ich in den letzten 20 Jahren gerade an einem Album arbeitete oder auf Tour war. In der Regel arbeitete ich dann nachts, ja, erst nach Mitternacht eigentlich. Ich hatte das Gefühl, in den Stunden die besten Ideen zu haben – wenn man schon ein paar Drinks intus hat und einfach locker ist dadurch. Und das hat ja auch funktioniert.“ Schließlich gelang es Gough, die Sucht zu besiegen – dank der Unterstützung einer Einrichtung in Kent und dem Rat und der Liebe einer Frau. Die beiden hatten sich kennengelernt, als er gerade an einem absoluten Tiefpunkt angelangt war. Inzwischen sind sie verheiratet und haben seit Mai 2017 auch einen Sohn zusammen. Das alles geschah in einer Zeit, in der, wie man weiß, die Welt komplett auf Talfahrt ging. Wie die meisten von uns, ist auch Mr. Gough nicht immun gegen die vielen sozialen und politischen Umbrüche, und so hatte er bald neue Kopfschmerzen, noch mehr Sorgen. Die persönliche Entwicklung sei jedoch „ein großer Schritt in meinem Reifeprozess“ gewesen, wie er sagt; auch die Therapie, die er vor zwölf Monaten endlich begonnen hat, sei eine wichtige Stütze gewesen. „Ich musste einfach noch viel erwachsener werden.“ Und jetzt möchte er selbst derjenige sein, der anderen hilft. Er möchte alte Verbindungen auffrischen – zu sich selbst und anderen. Er will wieder singen, will wieder auftreten und Menschen mitreißen. Von einer Mission, die er da hat, müsse man noch nicht sprechen, aber andererseits... „na ja, dieses ganze Zeug kann schon ganz schön schmalzig rüberkommen, aber ich habe mich wirklich intensiv mit mir selbst befasst und versucht, das in Ordnung zu bringen, was falsch war.“ Präsentieren wir also: die Emanzipation des Damon Gough. Oder, um es mit einem Titelkandidaten zu sagen, den er sich zwischenzeitlich notiert hatte: A Pocket Guide To A Midlife Crisis. Oder, noch anders, so wie das neue Album von Badly Drawn Boy tatsächlich heißt: Banana Skin Shoes. Man könnte auch sagen: eines der ehrlichsten, farbenfrohsten, wärmsten und größten Pop-Statements, das man in diesem Jahr zu Ohren bekommen wird. Goughs neuntes Studioalbum beginnt schon mal mit einem Paff! von einem Donnerschlag – und auch mit einem Hup! und womöglich sogar einem Pup: Der Eröffnungstitel zeigt sofort, worum es ihm geht, wenn er den Ruf zu den Waffen mit einem mea culpa verschnürt – und all das über ein wildes, fast comic-haftes Fundament zwischen Beck und den Beasties schickt. Dazu singt er passend mit der viel zu lange nicht gehörtenSoul-Raspelstimme: „It’s time to break free/From this plaster cast/And leave your past behind…/It’s time to supersize your soul…“

Auch gesteht der Sänger, dass er zwischenzeitlich abgerutscht ist –nur ist er eben auch ein Sänger, der sich weigert, am Boden liegen zu bleiben. So klingt der Auftakt gleich nach guter Laune. Zuversicht. Inspiration. Nach Spaß! Alles Attribute, die auch auf den zweiten Titel „Is This A Dream?“ zutreffen, jenen Teaser, der schon Ende Januar die Runde gemacht hatte. Ein durchaus politischer Titel, wobei das p von politisch viel, viel kleiner geschrieben ist als das des wichtigeren Wortes POP. „Ich würde sogar sagen, dass es das poppigste Album ist, das ich aufgenommen habe“, meint er dann und liegt damit ganz richtig. „Aber in diesem Pop-Gerüst will ich schon ein paar Dinge loswerden. Ich will versuchen, ganz subtil zu einem Gewissen für all jene zu werden, die vielleicht ähnlich denken wie ich – man kann Fanbase dazu sagen oder auch Gleichgesinnte oder Remoaner (= remain + moan) oder ganz wie man mag...“ Abgesehen von seiner persönlichen, unsichtbaren „Entwicklungsreise“ ist Gough auch in der physischen Welt herumgekommen – denn er hat viele Studios aufgesucht und mit mehreren  Produzenten gearbeitet. Schon vor vier Jahren nahm er sechs Songs in nur acht Tagen mit dem Produzenten Youth auf. Dann war erst mal Vaterschaftsurlaub angesagt, ein Jahr lang. Danach arbeitete er mit Keir Stewart zusammen, der früher Teil von The Durutti Column war, heute Goughs Nachbar ist und ein Homestudio hat. Und schließlich schlug er sein Lager in den Eve Studios in Stockport auf, wo er zusammen mit dem Producer Gethin Pearson (Kele Okereke, Crystal Fighters) aus 20 Songskizzen jene 14 Stück herausfilterte, die zusammen eine Geschichte erzählen. Gethin holte daraufhin einige Gastmusiker ins Boot, unter anderem Johnny Abraham von Public Service Broadcasting, der für die Blechblasinstrumente verantwortlich war; auch den Bassisten Daniel Pugsley von Skindred und Davey Newington (aka Boy Azooga), der seine Schlagzeugparts in den legendären Monnow Valley Studios in Wales aufnahm.
So nahmen die neuen Songs nach und nach immer konkrete Formen an. Der schwierigste Fall sei, das hört man auch, wenn er davon erzählt, der Song „I Need Someone To Trust“ gewesen. Wobei: Es macht sich ganz klar bezahlt,  dass er die klanglichen Verhandlungen in diesem Fall auf Brexit-Dikussionslevel geführt hat. Was mit einem grandiosen Seitenblick auf Chicagos Softrock-Klassiker „If You Leave Me Now“ anhebt (oh yes!), ist ein spiritueller Titel über eine Heilssuche, bei dem man ehrlich gesagt sofort die Fäuste in die Luft reißen will. Mit „Fly On The Wall“ serviert Badly Drawn Boy noch mehr retrofuturistischen Pop, der sogar mit dem Achtziger-Soulpop von Hall & Oates flirtet („Kann ich mit leben“), und er arrangiert Klavier und Streicher zur Ballade „Never Change“, die an Harry Nilsson erinnert („Also bei dem Vergleich fühl ich mich echt gebauchpinselt“). Im Verlauf der 14 Songs von Banana Skin Shoes begegnet man insgesamt einem Songwriter, der sich ungemein lässig und selbstbewusst zwischen verschiedenen musikalischen Idiomen und emotionalen Extremen hin und her bewegt – und dabei stets cool bleibt. „I’m Not Sure What It Is“ ist ein weiteres Kernstück des Albums, wobei Gough sogar von „einem Meilenstein“ für sich selbst spricht – „so wie damals ‘Once Around The Block’. Ich hab zuletzt ein paar kleinere Konzerte gegeben, und ich spiele den Song einfach nur mit Klavierbegleitung – und das fühlt sich wie ein Standard an.“ Weiter sagt er über den Song, dass er „sich lustig macht über mich und meine Schwächen. Ich mache die Therapie seit nunmehr zwölf Monaten, um meine Verhaltensmuster zu verändern. Es gibt Tage, an denen ich echt nicht klarkomme mit der Welt. Ich versuche, solche Dinge zu artikulieren, aber ich drehe dabei durch. Also versuche ich, das alles weniger als einen Kampf zu betrachten. Ich will kein abgekämpfter, Qualen erleidender Künstler mehr sein. Ich will das hier alles genießen.“
Und dann wäre da noch der vertonte Shout-Out namens „Tony Wilson Said“: Ein Soul-Monster mit der ansteckenden Energie eines Motown-Klassikers, gewidmet dem verstorbenen Strippenzieher Tony Wilson, der die Entwicklung der Musikszene von Manchester jahrelang maßgeblich mitgeprägt hat. „Als wir, also Leute wie ich, Andy Votel, Doves und Elbow damals loslegten in den Neunzigern, da war die Szene in der Stadt vor allem deshalb so lebendig, weil Typen wie Tony dafür gesorgt hatten, dass alles auch in schwierigen Zeiten am Leben bleibt. Der Song ist mir buchstäblich in den Schoß gefallen: Ich saß am Klavier und plötzlich landete er in meinen Fingerspitzen.“  Auch der letzte Song des Albums ist eine Verneigung: Für „I’ll Do My Best“, den ultimativen „torch song“ über eine vergangene Liebe, zieht Damon Gough alle Register. Der emotionale Schlusspunkt der LP handelt von seinen Versäumnissen; es ist ein Gebet an seine bessere Hälfte, ein Versprechen für die Zukunft, ja, sogar eine Verneigung vor seinem allergrößten Helden Bruce Springsteen: „Ich musste die Zeile ‘it’s hard to start a fire when it rains’ einarbeiten, die ja offensichtlich in dieselbe Kerbe schlägt wie ‘can’t start a fire without a spark’“, gesteht er mit einem unverfrorenen Lächeln im Gesicht.

Etwas nüchterner ausgedrückt heißt das alles: Jahrelang befand sich Badly Drawn Boy allein unter einer Wolke, heute hat er eine neue Liebe gefunden, und die Wolken haben sich verzogen (und der Kater und die Sorgen um die Leber gleich mit ihnen). „Das alles versuche ich da unterzubringen. Jeder Mensch hat eine Aufgabe. Und gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, einfach etwas Positives beizutragen“, sagt ein wiedergeborener, neu gestarteter, neu eingebundener Damon Gough zum Abschluss. „Und wenn du etwas siehst, was Mist ist, dann lass es einfach liegen oder versuch, dir daraus nichts zu machen. So einfach ist es doch. Derselbe Gedanke steckt auch im Refrain von ‘I Need Someone To Trust’: ‘Bring it back, make me whole.’ Genau das will ich mit diesem Album zum Ausdruck bringen. Das ist  mein Ansatz.“ Gerade im Bereich der Popmusik ist ein Jahrzehnt eine halbe Ewigkeit. Eine verdammt lange Zeit. Punkt. Doch wenn man Banana Skin Shoes hört, diesen gewaltigen, hart erkämpften Triumph, dann weiß man auch: es hat sich gelohnt. (One Last Fruit/AWAL/ Rough Trade) P.Ro

*****

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal