Becoming human

on Wednesday, 14 October 2020. Posted in CD

Simon Collins

Becoming human

Das nunmehr vierte Album von Simon Collins, seines Zeichens Sohn von Phil Collins, führt den interessierten Käufer ob der Wahl des Labels (Frontiers Records) und auch hinsichtlich der beteiligten Musiker in die Irre. Man könnte glatt meinen, dass bei zwei Gitarren, Bass, Drums und Keyboards hier ein Rock- oder auch Hard Rock-Album, musikalische Hauptbaustelle von Frontiers, zu hören ist. Wer sich das vorab veröffentlichte Video zum Titelsong „Becoming Human“ bei Youtube bereits angesehen hat, weiß jedenfalls was ihn hier musikalisch erwartet. Tatsächlich regieren hier hauptsächlich Stimme und Electronica, also Keyboards und Programming sowie programmierte Drums (a la Phil Collins-Solo bei „In the Air tonight“) sowie eine sehr angenehme Gesangsstimme, der man die Verwandtschaft schon an der einen oder anderen Stelle heraushört. Ein musikalisches Markenzeichen ist hier eine ‚Leise, Laut‘-Dynamik, die man sehr gut bei dem mit über neun Minuten längsten, hier Abschlusssong des Albums „Dead Ends“ heraushören kann. Fängt ruhig an, hat dann einen fast schon erruptiven, lauten Part, wird wieder ruhig usw. Sehr interessant, aber auch schwer für ein eher rockgeschultes Ohr anzuhören. Diese Stilmittel wird dann auch nochmal beim mit  fast acht Minuten zweitlängsten Song „I will be waiting“ verwendet, der sehr balladesk beginnt und dann auch zwei oder drei, ich nenne es mal, rockige Einschübe hat. Das ewige Wiederholen des Songtitels nervt hier aber doch etwas. Erinnert mich aber ansonsten an Linkin Park zu ihrer späten Phase. Generell erinnert das Ganze an eine Mischung aus OMD, Howard Jones, Blancmange, a-ha, Duran Duran sowie den früheren Pink Floyd. Die beiden Gitarristen bekommen meistens nichts oder nicht viel zu tun, was besonders bei Robin Boult schade ist, da er bei seiner Beteiligung, bei u.a. Fish, schon schöne Akzente setzten konnte. Ein paar eher leicht verdaulichere Stücke haben sich dann dennoch auf das Album geschlichen. „Thoughts become Matter“ erinnert mich stark an das „Thinkman“-Projekt vom leider verstorbenen Produzenten Rubert Hine (schön rockige Gitarren hier inklusive), etwas flotter rockiger mit einem mehr an Gitarren geht es bei „No Love“ und „Living in Silence“ zu, während bei „40 Years“ Peter Gabriel solo und Fish im Geiste vorbeischauen. Der kommerziellste Song „So real“ könnte gar aus der Feder von Bono stammten und auf den eher poplastigen Alben „Pop“ und “All that you can leave behind“ enthalten sein, The Edge-mäßige Gitarren inklusive. Ein sehr interessantes Album, an das man sich erst gewöhnen, und eventuell auch öfter mal anhören muss. Mir gefällt es irgendwie und ist mir dann auch fünf Punkte wert verbunden, mit der Hoffnung auf etwas mehr Gitarren und weniger Elektronik und etwas erdigerer Produktion. (Frontiers) HJH

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******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal