Brazilian Blues

on Sunday, 22 September 2019. Posted in CD

Koschitzki/Pereira

Brazilian Blues

„Brazilian Blues“, das neue Album des Duos Koschitzki/Pereira, ist Fortsetzung und Expansion zugleich. Anfang 2011 legten Stefan Koschitzki (Saxofon, Klarinette, Flöte) und Fabiano Pereira (Gitarre) im Verbund mit zwei Kollegen im Band-Kollektiv Mit4spiel5 eine erste musikalische Fährte, die reichlich Spielraum für zukünftige Großtaten schuf. Dreieinhalb Jahre später reüssierten die Zwei mit dem Album „Brasil Antigo“ als Zweimann-Band. Reich an musikalischer Historie, ließen die beiden Musiker darin mit einer handverlesenen Auswahl an Choro-Originalen diese beinahe vergessene, brasilianische Liedtradition wiederaufleben. Juvenil, sehnsüchtig und voller emotionalem Feuer im Zusammenspiel, war Koschitzki/Pereira damit ein kleines Meisterwerk gelungen, das gerade wegen seiner verhältnismäßig intimen Zwiesprache groß klingt. Für das neue, im November 2019 erscheinende Album „Brazilian Blues“ haben sie nun ihr musikalisches Vokabular beträchtlich erweitert. Dem Pop wie dem Jazz gleichermaßen zugewandt, umgeht das Duo stilistische und kulturelle Grenzen und bleibt gerade deshalb tief im musikalischen Selbstverständnis Brasiliens verwurzelt. Das Land voller Gegensätze und Widersprüche vereint schließlichTradition und Moderne vollkommen selbstverständlich. Koschitzki/Pereira tragen dieser Unbekümmertheit auf diesem neuen Longplayer Rechnung. Die Essenzen von Bebop, Bossa Nova und Pop destillieren sie äußerst erfolgreich zu einem bündigen, knackigen Werk. Und sie klingen darin ortskundiger denn je. Trugen auf „Brasil Antigo“ noch reine Instrumental-Stücke sowohl den solistischen wie auch den narrativen Kunstfertigkeiten des Duos Rechnung, richten die Beiden ihren Fokus jetzt auf Song-Formate. „Um Novo Dia“ - der Titel des Eröffnungsstücks der neuen Platte ist Programm: Fabiano Pereira, Sohn eines brasilianischen Vaters, nimmt diesmal mit seinem Gesang unmittelbar an die Hand und geleitet mit sprachlicher Nonchalance spielerisch-leicht in den „Brazilian Blues“. Die Jazz-Glaubwürdigkeit des Duos schwingt in jedem Song mit und verleiht der Musik eine ganz besondere Ästhetik. So wird im geschmeidigen Samba „So pra te esquecer“ die emotionale Kraft des Gesangs von einem langen Tenor-Saxofon-Solo mitgetragen. Dieser feinjustierte Dialog zwischen menschlicher Stimme und solistischen Freiheiten lenkt auf anregendspannende, gänzlich organische Weise in ganz unterschiedliche, rhythmische Räume. „Filosofunko“ beispielsweise gibt schon im Titel vor, wie funky und tanzbar die Lesart brasilianisch-inspirierter Musik von Koschitzki/Pereira klingen kann. Die Bossa Nova bietet nicht nur dem .Popstar. eine Bühne, sondern auch der Zugänglichkeit von Stefan Koschitzkis hochmelodischen Saxofon-Orchestrierungen. Melancholie als wichtiges Merkmal brasilianischer Musikkunst, strömt derweil aus jeder Pore des neuen Albums wie ein Leitfaden. „Deswegen haben wir das Album auch Brazilian Blues genannt“, erzählt Fabiano Pereira. „Wir sind mit der Platte nicht im Karneval von Rio unterwegs. Es darf zu der Musik selbstverständlich auch getanzt werden, aber gerade die Melancholie zeichnet das Album auch verführerisch, fast ein bisschen mysteriös, wie wir finden“. Dem gegenüber steht die geradezu überbordende Spielfreude des Duos, das sein Instrumentarium für diese Produktion erweitert hat. Während Koschitzki auch an Schlagwerk und Tasteninstrumenten zu hören ist, greift Pereira zusätzlich zu Cavaquinho, Berimbau und Pandeiro. Unterstützt werden sie dieses Mal - und das ist die zweite, wichtige Neuerung - von Jens Loh am Kontrabass, Benni Jud am E-Bass und dem Schlagzeuger Jan-Philipp Wiesmann. Fazit: Elegant, geschmackvoll instrumentiert und immer der Essenz des jeweiligen Song-Kerns auf der Spur und einmal sogar konkret politisch – denn der Song „Broken Memories“ zollt der im März 2018 ermordeten, brasilianischen Menschrechtsaktivistin und Politikerin Marielle Franco Tribut. (GLM Music/Soulfood) P.Ro

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