Ghosteen

on Tuesday, 22 October 2019. Posted in CD

Nick Cave & The Bad Seeds

Ghosteen

Noch vor wenigen Wochen hatte niemand so richtig ein neues Album von Nick Cave erwartet und schon gar nicht so bald. Jetzt ist der Nachfolger seines anrührenden Traueralbums „Skeleton Tree“ da und geht die eingeschlagene Richtung der letzten zehn Jahre weiter. Zwar ist das von Cave als „Fiebertraum“ bezeichnete „Ghosteen“ nicht so düster wie der Vorgänger, doch die Abkehr vom klassischen Bandsound mit Gitarren und Schlagzeug treibt er konsequent weiter. Es dauert fast eine Stunde, bis im 12-minütigen Titeltrack und im 14-minütigen Abschlusstrack „Hollywood“ deutlich wahrnehmbar ein Schlagzeug Einsatz findet, um sich dann nach wenigen Minuten auch schon wieder zu verabschieden. Das Seltsame daran ist, dass man es bis dahin gar nicht vermisst und keine Leere spürt. Der entstandene Raum wird überwiegend von Synthesizern, Klavier, Chören und vor allem von Nick Caves unverwechselbarer Stimme gefüllt. Letztere erreicht auf „Ghosteen“ eine Intimität und Präsenz wie selten zuvor. Jeder Klang ist um Cave als Erzähler gebaut, hüllt ihn ein und verziert die traumhaften, entrückten Parabeln von Tieren und Naturbildern in schreitendem Tempo. Vereinzelte Fans der ersten Stünde mögen „Ghosteen“ zu lieblich finden und Mark Vetter von deutschen Rolling Stone hat schon Vergleiche mit Vangelis und dem Soundtrack von Bladerunner angestellt, doch sind diese Vergleiche nach meiner Meinung zu eindimensional und an einzelnen Sounds festgemacht. Nick Cave wird sich mit diesem Album ganz neue Fans erschließen, die einen anderen Zugang finden, jenseits aller Rock-Stereotypen. Ein grandioses Kopfhörer-Album, das zu jeder Tages-und Nachtzeit anders schillert und vibriert. (Ghosteen Ltd.) (mai)

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