Monster Movie

on Sunday, 30 June 2019. Posted in CD

(The) Can

Monster Movie

Fünfzig lange Jahre ist es nun her, dass ein Musik-Kollektiv die damals noch sehr junge, progressive Rockmusikszene der Sechziger Jahre in der Bundesrepublik um ein Debüt namens „Monster Movie“ bereichert und ordentlich aufgemischt hat. Mit „Monster Movie“ hat das Musik-Kollektiv „Can“, wie sie sich selbst bezeichnen, im Jahre 1969 ein Statement gesetzt. Und auch fünfzig Jahre nach Erscheinen ändert sich an der hohen Stellung dieses Meisterwerks wenig. Es ist in jedem guten Plattenladen unter der Rubrik Krautrock zu finden und genießt Kultstatus, in Sammlerkreisen ist die Scheibe längst zu einem begehrten Sammlerstück geworden, für die im Original nicht selten astronomische Summen bezahlt werden. Als sich im Jahr 1969 der angehende Dirigent Irmin Schmidt (org), der ehemalige Stockhausen-Schüler Holger Czukay (b), sein Gitarren-Schüler Michael Karoli, der Jazz-Schlagzeuger Jacki Liebezeit und der amerikanische Künstler Malcolm Mooney (voc) zur ersten Session im von einem begeisterten Künstler zur Verfügung gestellten Schloss Növernich bei Köln trafen, ahnte das sicher noch keiner der Beteiligten. Die Hintergründe vor allem von Irmin Schmidt und Holger Czukay lassen die musikalischen Einflüsse erkennen, die sich vor allem aus Avantgardemusik, Minimal Music, Jazz, dem Stockhausen-Erbe und natürlich der neu aufkommenden, zeitgenössischen Rockmusik erschöpfen. Aber vor allem der für diese Zeit typische und kaum bremsbare Drang zum Experimentieren ist besonders bei Can sehr stark ausgeprägt, man wollte die überkommenen Strukturen der Musik überwinden, sich aber auch von den angloamerikanischen Vorbildern absetzen. Genau dieser Hang zum Experimentellen macht „Monster Movie“ zu einem einzigartigen Hörerlebnis: Mit einer schräg piepsenden Orgel wird das erste Stück „Father Cannot Yell“ eingeläutet, es folgt der für Can so charakteristische gleichmäßige, monotone Rhythmus, von englischen Rezipienten oft als „Motorik“ bezeichnet. Auch „die Beschränkung als Mutter aller Innovation“ (Holger Czukay) wird in der Musik sofort erkennbar, Can geht mit musikalischen Elementen sowie dem Einsatz von Produktionsmitteln sehr minimalistisch um, es soll gezielt einfach gehalten werden. Die nächste Komposition „Mary, Mary, So Contrary“ baut auf einem sich immer wiederholenden Akkordschema auf und mündet in einen dynamischen Groove. Das rockige „Outside My Door“ hingegen ist besonders wegen der Mundharmonika, den warmen Orgelakkorden von Schmidt und der immer aggressiver werdenden Stimme von Mooney mit Sicherheit eines ihrer besten Stücke. Es baut sich langsam auf und wird immer wilder und rockiger, um am Ende zu explodieren. Die gesamte B-Seite der Schallplatte nimmt das zwanzigminütige „You Doo Right“ ein, wobei besonders dort die hypnotisierende Wirkung von Cans monotonen Rhythmen, ihrer schlicht gehaltenen Motorik und ihren wiederholenden Elementen hörbar wird. Dieses Stück kann den Hörer in Trance versetzen, nicht umsonst wird oft von der „Magie von Can“ gesprochen. „Monster Movie“ sowie die weiteren Alben von Can sind in einem langwierigen Arbeitsprozess aus stundenlangen Improvisationen und Instant Composing entstanden, wobei Holger Czukay später die aufgenommenen Tonbänder der Sessions schließlich mithilfe der Schnitttechnik bearbeitete und Schnipsel neu zusammenfügte. Dabei agierte Can immer als Kollektiv, es gab keine Solisten, sondern nur den Gruppen-Sound, zu dem jeder der Musiker mit all seinen Kräften beigetragen hat. Bei dieser sehr gleichberechtigten und für damalige Zeiten sehr ungewöhnlichen Arbeitsweise und Bandphilosophie ist es kein Wunder, dass Can dieses sehr gelungene Werk zustande gebracht haben, dass zunächst vor allem in England, Frankreich und sogar in Japan Aufmerksamkeit erfahren hat und dort erste Erfolge feierte. Doch auch in der Musikszene der Bundesrepublik hat „Monster Movie“ tiefe Spuren hinterlassen und die experimentelle Rockmusik der 68er-Generation entscheidend mitgeprägt. Heute wird „Monster Movie“ zurecht verehrt und der hohe Stellenwert dieser Platte scheint unantastbar. Die limitierte Erstveröffentlichung des Albums erschien im August 1969 auf dem Label Music Factory noch unter dem Namen The Can. Die zweite Veröffentlichung, mit neuem Artwork wie man es heute kennt, erfolgte auf Liberty Records im darauf folgenden Jahr. (NiKu)