Obsidian

on Sunday, 17 May 2020. Posted in CD

Paradise Lost

Obsidian

Obsidian… dunkel, glänzend und schwarz: So lässt sich das vulkanische Gesteinsglas beschreiben, und dies ist auch eine ziemlich gute Zusammenfassung der Musik, die diese britische Gothic-Combo in den vergangenen drei Jahrzehnten gemacht hat - auch wenn sich die alteingesessene Band seit ihrer Gründung 1988 in Halifax, West Yorkshire stets dagegen gewehrt hat, auf eine so simple Formel begrenzt zu werden. Angetrieben von unbändiger Kreativität und mit einer Leidenschaft für harte, fesselnde Musik haben Paradise Lost allen Umständen getrotzt, um im vergangenen Jahrzehnt stärker denn je zurückzukehren. Und als charismatische Live-Bands gefeiert, starten Paradise Lost jetzt in ihr viertes Jahrzehnt als Veteranen, Legenden und Ikonen für mehrere Generationen düsterer Metalheads mit einem neuen Studioalbum, ihrem 16. Longplayer, der in einer Kritik kurz so beschrieben wird: „Wahrer Gothic / Doom herrscht auf diesem brillanten Album! Ein dunkles und intensives Manifest, das vor echtem Engagement strotzt!“ Durchaus zutreffend, denn „Obsidian“ ist eines der bisher diversesten und dunkelsten Werke der Band. „Als wir anfingen, dieses Album zu schreiben, haben wir uns einfach hingesetzt, darüber nachgedacht und gesagt ‘Mal sehen, was dabei herauskommt!’” sagt Gitarrist und Mitgründer Greg Mackintosh. „Wir haben das nie durchgemacht, dass wir bei einem großen Label unterschreiben und dann ständig unter Druck stehen. Der einzige Druck kam von uns selbst. Ich wollte einfach, dass es ein bisschen glatter klingt als das letzte Album und ein bisschen wenig nach Höhlenmensch in der Rhythmus-Abteilung! Ich denke, das waren wirklich die einzigen Vorgaben, die wir uns gesetzt haben. Auf „Medusa“ hat sich dieser langsame, raue Vibe durch das gesamte Album gezogen, also würde es mich so wie jeden anderen auch langweilen, das nochmal so zu machen. Dieses Mal wird es also deutlich variierter.” Das neue Opus verzichtet auf den schaurigen, kurzsichtigen Ansatz seines direkten Vorgängers „Medusa“ von 2017 und wählt dafür eine reichere und dynamischere Breite an Schwarztönen. Von der trügerischen Eleganz des Openers ‘Darker Thoughts’ bis zum vernichtenden, barocken Doom des letzten Songs, ‘Ravenghast’, zeigt „Obsidian“ eine Band, die meisterhaft eine gigantische Breite lebhafter Ideen kontrolliert und beherrscht. Am auffälligsten ist, dass das Album gleich mehrere Songs enthält, die ihre Inspiration scheinbar direkt aus den geliebten, Kohl-verschmierten Glanzzeiten des ‘80er Gothic Rocks zu ziehen scheinen: besonders die brandneue PL-Hymne ‘Ghosts’ ist eine klare Garantie für eine volle Tanzfläche für jeden guten Gothic Nachtclub. „Heutzutage leben nicht mehr viele, die sich an die 80er Goth Szene erinnern können!” erläutert Greg. “Also klingt das für viele hoffentlich eher erfrischend. Aber die Dinge ändern sich, gehen im Kreis. Früher, in den späten 80ern gab es an jeder Ecke einen Goth Pub oder Club und jetzt gibt es da gar nichts mehr. Das ist etwas, was ich wirklich gemocht habe, aber es nicht zugeben wollte! Aber so lange, wie wir das jetzt schon machen interessiert es mich einfach nicht mehr. Das erste Album, das ich gekauft habe war „The Kids From Fame“, also Scheiß drauf.” Die neun Tracks dieses Longplayers, der von der Band selbst mit Hilfe von Jamie ‘Gomez’ Arellano produziert wurde, sind ein überzeugender Beweis für den unbändigen Willen der Gruppe, sich selbst weiterzuentwickeln. Fans der rohen Wildheit der letzten beiden Alben werden sich in den bedrohlichen, schorfigen Songs wie ‘The Devil Embraced’ und ‘Serenity’ wiederfinden, während sich die eher gothisch angehauchten Hörer sofort zu ‘Ghosts’, der eisigen Anti-Ballade ‘Forsaken’ und dem wunderbar finsteren ‘Ending Days’ hingezogen fühlen werden. Zwischen diesen beiden Extremen formt die Band ihre lang-bestehende musikalische Identität neu, was in einigen der bisher mutigsten und abenteuerlichsten Songs ihrer Karriere resultiert. Übrigens gibt es auf der „limited edition“ noch zwei zusätzliche Stücke, es lohnt sich da zuzugreifen. Kein Wunder, das diese Scheibe vom Metal Hammer zum „Album des Monats“ für den Juni 2020 gekürt wurde. (Nuclear Blast) P.Ro

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