Reflections On The Future

on Monday, 21 October 2019. Posted in CD, Musik

Twenty Sixty Six and Then

 Reflections On The Future

Seit diesen Sommer gibt es bei den Alben-Besprechungen eine neue Rubrik: "From the vaults" - in der Übersetzung bedeutet das ja "aus der Gruft" und irgendwie passt diese Formulierung. Wir stellen hier einmal im Monat ein Album vor, das praktisch „aus der Gruft" kommt - keine aktuelle Scheibe, sondern ein Opus mit "Geschichte", das schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hat und nach unserer subjektiven Meinung jetzt nochmal gewürdigt werden soll! Für den November stellt DJ „Notorious“ Norbert Bauer mit Twenty Sixty Six and Then und ihrem Album „Reflections on the future“ eine deutsche Band vor, die dieses Album wurde 1972 veröffentlicht hat.
Drei Dinge vorweg. Erstens: Dieses Album ist ein echter Leckerbissen für Progressive-Rock Fans, die auf schweren 70er Jahre Sound stehen. Zweitens: Der Sänger der Band ist niemand anderes als Geff Harrison, der erst vor kurzem in einer TV Musik-Castingshow für Senioren von sich reden machte. Und Drittens: Der sperrige Bandname bezieht sich auf eine alte englische Redensart "1066 and then", die abgewandelt wurde. Das Jahr 1066 war für die englische Geschichte bedeutend, weil das normannische Heer unter Wilhelm dem Eroberer die Angelsachsen besiegte und das Machtgefüge auf der Insel - und in Westeuropa - ziemlich durcheinander brachte.
Doch schauen wir zurück in das Jahr 1971. „Twenty Sixty Six & Then“ wurde damals in Mannheim gegründet, ist also eine deutsche Band, die allerdings heutzutage nur noch in Plattensammlerkreisen bekannt ist. Das einzige Album der Gruppe wurde 1972 in kleiner Auflage von United Artists Records veröffentlicht und war ein kommerzieller Mißerfolg, was wohl der Grund dafür sein dürfte, dass sich die Band bald wieder auflöste. Musikalisch ist diese Platte jedoch bemerkenswert. Die Basis bilden meist schwere Hardrockriffs, dominiert von Orgel und E-Gitarre. Hinzu kommt der bluesig-raue Gesang des gebürtigen Engländers Geff Harrison (später u.a. auch Sänger bei Kin Ping Meh). Kein Zweifel, seine soulig heisere Stimme setzt der Musik von „2066 and then“ die Krone auf. Doch wer glaubt hier handle es sich um typisch eingängigen 70er Hardrock a la Deep Purple, Uriah Heep oder Spooky Tooth, der wird beim Anhören der Scheibe eines Besseren belehrt. Die Stücke von „Twenty Sixty Six & Then 2066“ sind deutlich progressiver, vertrackter und höchst abwechslungsreich. Die Melodien der verschiedenen Tasteninstrumente und der Gitarre laufen oft komplex durcheinander, sind verschlungen, mitunter wird es auch mal fast experimentell und dissonant, wie man es vom Jazzrock oder vom- ja eben- Krautrock kennt. Die Stücke sind ausgedehnt, Orgel und Mellotron bekommen dabei viel Platz. Dabei wird der Hörer oft rasend schnell einem Stimmungswechsel ausgesetzt, der Sound wechselt vom treibenden Hardrock und hektischen, verspielten Geklimper hin zu ruhigeren Passagen. Manchmal könnte man sich fast wie Alice im Wunderland fühlen. Ein durch und durch interessantes Album also, sehr abwechslungsreich ohne dabei völlig in die Avantgarde „abzuschweifen“. Ich darf an dieser Stelle erwähnen, dass die Stücke „Butterking“ (mein Lieblingstück auf der Scheibe) und „At My Home“ bei meinen 60er / 70er Rocknächten „Blast From The Past“ in der AltenMälzerei nach wie vor des öfteren von den Gästen gewünscht und von mir aufgelegt werden. ;-)
Die Originalpressung von "Reflections On The Future" wird inzwischen für ca. 1000 Euro aufwärts gehandelt. Das Album wurde jedoch vom Berliner Label SecondBattle/Pandora´sBox in verschiedenen Ausgaben auf LP und CD wiederveröffentlicht. Bei der CD-Ausgabe (Reflections!) gibt es Abweichungen zum Original. Teilweise sind es andere und längere Versionen aus den Archiven, da die Originalbänder nicht auffindbar waren. Für die LP wurde bei der Überspielung eine Originalausgabe als Quelle für das fehlende Bandmaterial verwendet. Die längeren alternativen Aufnahmen wurden auf einer extra LP (Reflections on the Past) veröffentlicht. Dennoch sind sowohl die LP (Reissue) als auch die CD empfehlenswert. Inzwischen gibt es auch eine erweiterte CD-Neuausgabe. Aber Vorsicht aber vor schlechten Raubkopien und Downloads!
Abschliessend erwähnt sei noch: Nach der Auflösung dieser Band gingen Geff Harrison und Gagey Mrozeck zu Kin Ping Meh und Veit Marvos gründet die Gruppe Emergency. Konstantin Bommarius wechselte zu Abacus und spielte in der Folge auch bei verschiedenen anderen Bands wie z. B. Karthago.
(United Artists) Norbert Bauer alias DJ „Notorious“ Norbert