Stray

on Saturday, 21 March 2020. Posted in CD

Bambara

Stray

Hier wieder nach längerer Pause eine “Insider”-Besprechung, diesmal von Klaus „schwafi“ Schwarzfischer. Der ist seit Jahren in der Regensburger Szene auf vielfältige Weise aktiv - satirisch, literarisch,  mit Konzept-Kunst und eben auch musikalisch. Klar, dass er ein geeigneter Rezensent ist. Wir haben ihm eine Scheibe vorgelegt, die ihm absolut unbekannt war: das in Brooklyn beheimatete Post-Punk-Trio BAMBARA. Hier also seine Review:

In schwierigen Zeiten freut man sich auch und gerade über kleine Dinge. Mit „man“ mein ich mich. Trotzdem wähle ich die verallgemeinernde Form „man“, weil ich erstens davon ausgehe, dass es vielen Anderen so geht wie mir und zweitens, falls dem nicht so wäre, ich es allen Menschen wünsche, dass sie aus vermeintlichen Randnotizen des Lebens ein Stückchen Glück saugen mögen. Ich schreibe nicht gerne über Album-Neuveröffentlichungen, vor allem deshalb, weil man dabei meist gezwungen ist, ein paar Takte in die Lieder reinzuhören, deren Existenzberechtigung in einem anderen Raum-Zeit-Gefüge als dem unsrigen liegen mag. Deshalb reagierte ich auf die Arbeitsanweisung des sklaventreiberischen Redaktions-Chefs, das Album „Stray“ zu rezensieren, missmutig. Doch zurück zum Glück und zur Freude – zur Band BAMBARA. Bambara hieß auch ein talentierter Fußballspieler, der wie ich aus einem kleinen Ort im Vorderen Bayerischen Wald stammt. Genauer gesagt: Moses Bambara. Sein Vater ist Afrikaner. Moses kickte von Kindesbeinen an vortrefflich und meisterte den steinigen Weg bis hin zum Stammspieler in einem Profi-Club bravourös. Obwohl er das Zeug dazu gehabt hätte, den Raum öffnend und Flanken schlagend noch weiter nach oben zu kommen und Millionen um Millionen in seinem Geldspeicher anzuhäufen, entschied er sich anders. Er hängte bei kerngesundem Wohlbefinden die Fußballschuhe an den Nagel und führt seit einigen Jahren ein ganz normales, unidiotisches Leben. Wie könnte eine Band, die den Namen dieses Helden trägt, schlecht sein? Der virtuelle Schallplattenspieler läuft: Der Reinschmeißer „Miracle“ wirkt wie eine vorangestellte wohltemperierte Prophezeiung, die sich nach dem Durchhören des gesamten Albums erfüllt haben wird. Ein düsterer Soundteppich, der an die Murder-Ballads von Nick Cave erinnert, wälzt sich eine Minute lang textlos dahin, baut Spannung auf. Mit dem Einsetzen des Gesangs vervollständigt sich das Bild einer Nick Cave-Anleihe. Etwas breiter, halliger, wabernder, aber im Gesamtpaket stimmig. „Heat Lightning“ begleitet einen mit sphärischem Gitarrensound beim Ritt durch die Weiten der Prärie. „Sing me to the Street“ schwoft geheimnisvoll dahin, „Serafina“ punkt sogar. Die verschiedenen Stilrichtungen wirken nicht aufgesetzt, sondern sorgen für Abwechslung. Auch der Vergleich mit Nick Cave hat nichts Negatives. Wenn sich zwanzig Millionen Bands anhören wie die Rolling Stones, warum sollte dann eine nicht nach Cave klingen dürfen? Vor allem, wenn sie dem berühmten Höhlenmann in wenig bis nichts nachsteht. Zurück zum Fußball bzw. zum Transfer von Stars. Vielleicht kann sich BAMBARA ja den famosen Blixa Bargeld als hängende Gitarrenspitze sichern und damit noch authentischer nach Cave klingen als der Meister selbst. Einen Versuch wäre es Wert. So iss aber auch gut! (Wharf Cat Records)  Klaus „schwafi“ Schwarzfischer

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