Talking to Huddie Ledbetter

on Thursday, 12 November 2020. Posted in CD

Leadbelly Calls

Talking to Huddie Ledbetter

Es war in einer verqualmten und durchzechten Nacht in der düstersten Kaschemme der Stadt, als Timo Gross und Adax Dörsam ihre gemeinsame Liebe zu einem der am meisten unterschätzten Künstler der Welt entdeckten: Huddie Ledbetter, besser bekannt als Leadbelly! Viele seiner Songs wurden in späteren Jahrzehnten in Coverversionen Welthits. So wurden Pläne geschmiedet, Instrumente sorgfältig ausgewählt und Saiten gewechselt. Alte, vergessene Lieder wurden geteilt und zelebriert. Sie trauerten um verlorene Seelen und versetzen sich in den Geist des Giganten Leadbelly. Als renommierte Künstler gingen Gross und Dörsam diese epochalen Songs natürlich mit Respekt an. Innovativ und gleichzeitig retro kreierten sie auf den Schultern dieses Bluesgiganten eigene, raue Klangwelten und zollen Leadbelly Tribut, um sein mächtiges Erbe ins 21. Jahrhundert zu transformieren. Timo Gross mit seiner rauchigen Stimme und seinem erdigen Gitarrenstil ergänzt sich perfekt mit den ausgefallenen Gitarrensounds von Adax Dörsam. Alte Martins, Dobros, Saz, Charango und die Sitarguitar wurden entstaubt um den Leadbelly-Songs ihren ureigenen Stempel aufzudrücken.
Leadbelly Calls mischen frech Ethno-, Elektro- und Blues- Sounds und spielen mit Erwartungen und Nuancen, um die Hörer zu überraschen. Das breite Spektrum von „Talking To Huddie Ledbetter“ beginnt bei rohen und ostinaten Blues-Grooves. Zwei Dobros und Stimmen reichen bei „Take This Hammer“, um das verzweifelte Ringen um die Menschenwürde der schwarzen Eisenbahnarbeiter zu beschwören. Ein definitives Highlight ist die Interpretation des Klassikers „Black Betty“. Ein extrem tanzbarer, hypnotischer Groove kontrastiert die klassische türkische Saz, abgelöst von der Coral-Sitar-Guitar. Das ist erste Bluesrock-Sahne. Die speedy Version von „Cotton Fields“ ist ok, da würde ich jedoch die CCR-Version bevorzugen.
Und obwohl Leadbelly seit 70 Jahren tot ist, ist er aktueller denn je: Seine Texte spiegeln die Lebenswirklichkeit der schwarzen Bevölkerung der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts wieder. Sie dokumentieren die staatliche Benachteiligung und Repression und die Konsequenzen für das Leben der Schwarzen in den USA. Durch die „Black Lives Matter“ Bewegung bekommt die Reminiszenz der beiden Saitenzauberer an einen Großen der Szene eine ganz aktuelle Bedeutung und man erkennt, dass sich die Situation seit damals kaum verändert hat.
Diese klingenden Talkings faszinieren, sind packend interpretiert, und obwohl ich offen gesagt „dem Blues“ schon etwas den Rücken gekehrt habe, bringt mich diese Scheibe zurück an Bord. Der Blues hat mich wieder. Kein Wunder – in diesen Zeiten… (Grand Cru Records) HuGe

******/*

******* = genial / ****** = phänomenal / ***** = optimal / **** = normal / *** = trivial / ** = banal / * = katastrophal