War in My Mind

on Monday, 02 September 2019. Posted in CD

Beth Hart

War in My Mind

„Worcaholic“ ist eine gute Beschreibung für diese Frau – seit dem 2010er Album „My California“ hat sie sechs weitere Studiowerke veröffentlicht, dazu kommen noch zwei Livealben. Nach dem 2018er „Black Coffee“ folgt jetzt „War in my mind“. Beth Hart ist so authentisch wie nie. In einem Business voller Hochglanzproduktionen und retuschierten Fotoshootings ist sie die Künstlerin, die ihre Karten offen auf den Tisch legt und ihre dunkelsten Geheimnisse preisgibt - hat sich noch nie auf einer Platte so roh präsentiert wie auf „War In My Mind“, das vom mehrfachen Grammy Gewinner Rob Cavallo (Green Day, Phil Collins, Paramore, Kid Rock, etc.) produziert wurde! Auf diesem Album geht sie offen mit ihren inneren Dämonen um und offenbart den Zuhörern ihre bisherigen Erfolge und Rückschläge im Leben. „Mehr als bei jedem anderen Album, das ich bisher gemacht habe, bin ich auf diesen Songs ganz ich selbst gewesen.“, erklärt die Sängerin. „Mein innerer Heilungsprozess hat sehr lange gedauert, doch inzwischen fühle ich mich mit meiner dunklen Seite, meiner Verrücktheit und den Dingen, für die ich mich so lange schämte, sehr wohl.“ Die Sängerin erinnert daran, dass ihr Leben meist in Zyklen verlief. „Die Dinge wurden gut, dann schlecht, besser und wieder schlechter.“ Genau in diesen Momenten entstanden stets ihre besten Songs. „Auf ‚War In My Mind‘ widme ich mich vielen dieser Themen. Ich habe auf jedem Album, das ich bisher gemacht habe, die Wahrheit gesucht. Diesmal bin ich der Offenheit und Verletzlichkeit meines Lebens noch ein Stückchen nähergekommen: der Liebe, meiner Sucht, meiner bipolaren Störung, meinem Vater, meiner Schwester…“ so ihr Kommentar. Um die vielen Achterbahnfahrten in ihrem Leben zu verstehen, sollte man sich die Texte von „War In My Mind“ genauer ansehen. Sie erzählen schonungslos ehrlich von den Höhen und Tiefen der letzten Jahrzehnte: von Beths Kindheit in den 70er Jahren in Los Angeles, in der sich bereits ihr musikalisches Talent und ihr unsteter Geist offenbarte. Von ihrer chaotischen Erziehung bis zum Verlust ihrer geliebten Schwester Sharon. Von ihren persönlichen Problemen und dem Leben, das ihr entglitt, als ihr in den 90er Jahren ihr Durchbruch mit einem Majorlabel bevorstand. Von der Zusammenarbeit mit Bluesrock-Maestro Joe Bonamassa bis zur Erlösung durch ihren Ehemann Scott und die Wiedergeburt, die sie durch die Kirche erfahren hatte. Mit „War In My Mind“ hat sie einen Longplayer aufgenommen, die ihre Seele entblößt, auf der sie das Herz auf der Zunge trägt und sich nicht dafür entschuldigt. „Als wir das Fotoshooting für dieses Album gemacht haben, war ich zum ersten Mal ungeschminkt und ließ nichts retuschieren.“, sagt sie zum Schluss. „Zum ersten Mal machte es mich nicht krank, meine eigene Stimme zu hören. Es ist einfach toll, 47 zu sein, ohne zu versuchen jünger und wettbewerbsfähiger zu wirken oder was ich dachte, alles sein zu müssen. Auf dieser Platte sagte mir etwas: ‚Lass es einfach, wie es ist‘. Ich glaube, ich mache langsam Fortschritte und nähere mich der Wahrheit. Noch weiß ich nicht, was die Wahrheit wirklich ist – aber ich bin komplett im Reinen damit.“ Das hört man den Songs an. Ihre neuen Stücke, auf denen Beth unter ihrer persönlichen Gewitterwolke ins Klavier hämmert, schlagen ein wie eine Naturgewalt. „Bad Woman Blues“ beginnt mit einem unwiderstehlichen Groove und einem gospelartigen Gesang und ist ein Anti-Liebeslied. „Ich habe den Song zusammen mit Rune Westberg geschrieben, mit dem ich schon seit Jahren zusammenarbeite.“, erklärt sie. „Er handelt von einer Frau, die überhaupt kein Interesse daran hat, gut zu sein, weil weiß, dass sie es nicht ist. Doch anstatt sich dafür zu hassen, begegnet sie dem Mann mit reinem Gewissen. Sie sagt ihm ‚Baby, ich bin ein Arschloch und eine Hexe, aber Du wirst viel Spaß mit mir haben.“ Der Titeltrack ist eine getragene Klavierballade, die zu einer epischen Hymne anschwillt. Er erzählt von den Jahren ihrer Sucht, in denen Beth das Gefühl hatte, nicht mehr weitermachen zu können und von der Erlösung durch die charismatische Pastorin Kim. „Eines Tages kündigte Kim an, dass sie mich verlassen und in eine andere Kirche gehen würde. Ich begann zu weinen und zu schreien, ging nach Hause und schrieb ‚War In My Mind‘. Ich dachte, ohne sie würde ich wieder mit dem Trinken beginnen und verrückter werden als jemals zuvor. Doch sie versicherte mir, dass ich sie jederzeit besuchen könne und das tue ich bis heute ein paar Mal im Jahr.“ Der bittersüße Jazz von „Without Words In The Way” profitiert von einer starken Stimme, die Beth zu Beginn ablehnte. „Ich hatte den ganzen Tag gesungen und keine Kraft mehr für eine weitere Aufnahme. Doch das Lied handelt von einer Frau, die diesen Mann niemals dazu bringen wird, sie zu lieben – also wer zum Teufel singt auf einem Song wie diesem schon gut? Er handelt von Schmerz, Stress und Kampf. Der Gesang passt also wirklich gut dazu. Bereits die Erwähnung des Titels „Let It Grow“ lässt Beth Tränen in die Augen steigen. „Es geht darum, angesichts all der Hoffnungslosigkeit weiter Hoffnung zu haben. Ich habe diesen Song ebenfalls zusammen mit Rune geschrieben und als ich während einer Einstellung im Studio darüber nachdachte, sah ich, dass Rob weinte. Ich dachte, wir sollten einen Gospelchor dazu singen lassen. Also holte Rob den besten verdammten Chor, den er finden konnte und es hörte sich an, als hätten sie eine Kirche in dieses Album gesteckt.“ Auch die Ballade „Thankful“ schrieb Beth mit Westberg zusammen – doch es gab auch einen dritten, in den Credits nicht genannten Songwriter: „Rune und ich schrieben zusammen an dem Song herum. Wir hatten Spaß, kamen jedoch nicht wirklich weiter. Plötzlich fühlte es sich so an, als wäre Gott persönlich in den Raum gekommen.“ Der hedonistische Groove von „Try A Little Harder“ erinnert mit voller Absicht an die Würfel des Las Vegas Strips. „Ich bin in den Körper meines Vaters in den 70er Jahren gesprungen, als er ein abhängiger Glücksspieler war.“, erzählt die Sängerin. „Sie haben ihn jedes Wochenende nach Las Vegas geflogen und ihm ein Hotelzimmer gegeben, weil er so viel verdammtes Geld ausgegeben hat. Er war ein psychotischer Spieler. Also benutzte ich seine Maccarat-Manie als die meine, um Musik zu machen. Mein Vater und ich sind uns auf eine gewisse Weise unglaublich ähnlich. Durch dieses Lied fühle ich mich selbstsicher, glücklich und kann mir selbst meine bipolare Störung verzeihen.“ „Rub Me For Luck“ zeigt Beths Talent, verschiedene Genres zu vermischen. Schwüler, spansicher Flamenco vereint sich mit Filmmusik. „Rob sagte, dass dieser Song in einem James Bond Film zu hören sein sollte.“ „Sugar Shack“ glänzt durch einen Disco-Touch, der die Tanzflächen füllen wird. „Ich wurde schon immer von verschiedenen Stilen geprägt.“, gibt Beth zu. „Momentan haben mich amerikanische Songs aus der Mitte des letzten Jahrhunderts inspiriert. Also wer weiß, wie die nächsten Platte klingen wird?“ Da sollten wir uns überraschen lassen, und allzu lange wird die Wartezeit sicher nicht, wenn man ihr Arbeitstempo der letzten Jahre betrachtet. (Mascot) P.Ro

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